Dienstag, 16. Dezember 2014

Bildende Kunst:
Eine kleine Winterpause
Dieser Blog erscheint erst nach Weihnachten also im Jahr 2015 wieder, er macht somit eine vierwöchige Pause und der nächste Beitrag wird am 13. Januar zu lesen sein. Ab dann werden alle zwei Wochen dienstags neue Blogeinträge erscheinen. "picti mundi - gezeichnete und gemalte Welten" bedankt sich bei allen Lesern und wünscht bis dorthin allerseits alles Gute. 

In diesem Beitrag sollen Sie einigen gemalten Winterimpressionen überantwortet werden. 
 
Das mit Öl auf Leinwand gefertigte Gemälde von Caspar David Friedrichs (1774-1840) "Frühschnee" ist etwa um das Jahr 1828 herum entstanden
Das Werk Vincent van Goghs (1853-1890) "Hinterhöfe in Antwerpen im Schnee", welches gleichfalls mit Öl gemalt ist, wurde im Jahre 1885 auf die Leinwand gebracht.
"Heimkehr der Jäger" - oder auch als "Die Jäger im Schnee" bezeichnet - von Pieter Bruegel dem Älteren (1525/1530-1569) aus dem Jahre 1565 wurde mit Öl auf Eichenholz gemalt und gilt als erstes europäisches Großgemälde (117 auf 162 cm), in welchem Schnee eine wesentliche Bedeutung zu kommt. 

Die Karikatur Honoré Daumiers (1808-1879) "Die Krinoline bei Schnee. Schöne Frau soll ich sie mit dem Besen abputzen", bei der es sich um eine Lithografie handelt, ist im Jahre 1858 gedruckt worden.
Die Lithografie von Théophile-Alexandre Steinlens (1859-1923) "Winter" wurde im Jahre 1901 in der humoristischen Zeitungen "L'assiette au beurre" abgedruckt. Steinlens bekanntestes Werk ist wohl das von ihm geschaffene Plakat aus dem Jahre 1896 für das Pariser Kabarett "Le Chat Noir" in Montmartre.
Childe Hassams (1859-1935) impressionistisches Gemälde "Fifth Avenue im Winter" aus dem Jahre 1890 ist ebenfalls mit Öl auf Leinwand gefertigt worden und neben seinem etwa aus dem Jahr 1900 stammenden Werk "Late Afternoon, New York, Winter" eines seiner Bilder, die sich über das Motiv des Winters mit der bildnerischen Darstellung von Schnee befassen. 
Und schließlich die farbigen Holzschnitte von Utagawa Hiroshige (1797-1858) aus seiner Serie "Dreiundfünfzig Stationen der Tokaido-Straße" zum einen der Holzschnitt "Station Kambara, Schnee am Abend" aus den Jahren 1833 und 1834 stammend und zum anderen der Holzschnitt "Station Numazu, Aussicht auf den verschneiten Fuji-Berg vom Ashigarayama-Berg" aus dem Jahre 1855.
Station Kambara, Schnee am Abend

Station Numazu, Aussicht auf den verschneiten Fuji-Berg vom Ashigarayama-Berg

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Bilderquelle: http://www.zeno.org - Contumax GmbH und Co. KG

Dienstag, 9. Dezember 2014

bande dessinée: 
Émile Bravos "Pauls fantastische Abenteuer" und die Ebene hinter einem Comic
Nachdem sich Émile Bravo mit seinen Comics auch in Deutschland einen Namen gemacht hat, veröffentlicht Carlsen Comics nun eines seiner frühen Werke „Pauls fantastische Abenteuer“ (Une épatante aventure de Jules).

© Carlsen Verlag
Zu Comics, die zu Bravos heutiger Bekanntschaft beigetragen haben, zählen vor allem „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ („Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill“, 2007) und sein Beitrag zum „Spirou“-Magazin „Porträt eines Helden als junger Tor“ („Une aventure de Spirou et Fantasio: Le Journal d‘un ingénu“, 2008). 
Für die sechsteilige Comicserie „Pauls fantastische Abenteuer“, die zwischen 1999 und 2011 erschien, wurde Bravo 2002 mit dem René-Goscinny-Preis ausgezeichnet, der den besten Szenarist eines Jahres würdigt und während des Festival International de la Bande Dessinée d‘Angoulême von einer Jury vergeben wird. Bravo, der sich mit seinen Zeichnung gezielt auch an ein jüngeres Publikum wendet, legt mit diesem Comic eine Geschichte vor, in der ganz gewöhnliche Kinder überraschend immer wieder in verblüffende Geschehnisse verwickelt werden. 
© Carlsen Verlag
Die Protagonisten dieses Comics, das Mädchen Janet und der zwölfjährige Junge Paul, reisen innerhalb der ersten drei von Bravo geschaffenen Geschichten zu einem fernen Planeten und durch die Zeit, sie vereiteln mehrfach die Machenschaften eines "verrückten Wissenschaftlers" und werden bei einer Exkursion in einer Höhle verschüttet. 
Émile Bravo, der sich bei dem von ihm erzählten Stoff durchaus freudig an bestehenden Klischees bediente, tut dies auf eine Weise, dass die Klischees zwar weiterhin als solche fortbestehen, doch aus unerwartbaren Gegebenheiten innerhalb des Comics erwachsen. Dieses gezielte Spiel Bravos mit Vorurteilen, altbekannten Handlungsmustern sowie herkömmlichen Erzählstrategien führt bei seinem Werk „Pauls fantastische Abenteuer“ dazu, dass innerhalb der Handlung eine Verhaltens- und Gesellschaftskritik mit verschiedensten Aspekten gegeben ist, die gerade dort äußerst erhellend ist, wo sie die gewohnten Erzählweisen aufzeigt und vorführt. 

Die Kolorierung dieser Comicserie ändert sich von der ersten zur zweiten Ausgabe. Im ersten Band (Walter) sind es bunte und strahlende Farben, die die Panels ausfüllen, die in ihrer Art an Superheldengeschichten denken lassen, während im zweiten Band (Delphine Chedru) mattere und gesetztere Farbtöne vorherrschen, was diese Kolorierung realer wirken lässt. Delphine Chedrus Art der Farbgebung sollte auch im Folgenden in den Werken Émile Bravos Verwendung finden und wie die eher klein gehaltenen Panels zu einem der Markenzeichen von Bravos Comicheften werden. 

Während die Namensangabe des jeweiligen Koloristen zwar nicht auf dem Cover, jedoch auf dem Titelblatt vorhanden ist, wird der jeweilige Übersetzer lediglich im Impressum der Hefte genannt. Hierbei stellt dieser Comic allerdings keine Abweichung von der Norm dar, vielmehr ist dies die gängige Praxis in der Comicbranche. Dies liegt sicherlich an der Stellung, die Übersetzer und Übersetzungen allgemein im Vergleich zum Originalwerk in unserem Kulturraum einnehmen, denn die Übersetzung und somit auch der Übersetzer sollen hinter den ursprünglichen Text und dessen Autor zurücktreten, doch muss bei einem solchen Vorgehen auch immer bedacht werden, dass eine Übersetzung lediglich eine der möglichen Interpretationen der Originialsprache abbilden kann. Ebendieser Sachverhalt tut sich in der Übertragung von einzelnen Spezial- oder eigens vom Autoren geschaffenen Begriffen, aber auch an der im Comic entwickelten Formsprache und Bildsymbolik am besten kund. Dass die Übersetzer nur im Impressum aufgeführt sind, bedingt, dass des Öfteren nicht an sie gedacht wird. Der Einfluss von Übersetzern ist jedoch gerade an Stellen elementar, an denen eine Entscheidung bezüglich einer Anpassung in die zu übersetzende Sprache nötig ist. Durch ihre Wahl können Bedeutungsverengungen oder -erweiterungen herbeigeführt werden. Auch für Émile Bravos „Pauls fantastische Abenteuer“ ist ein Blick auf den Übersetzer zumindest interessant, denn dieser ändert sich ebenfalls mit dem zweiten Band. Im ersten Band stammen die Übersetzungen von Christian Gasser und in den nachfolgenden Bänden von Ulrich Pröfrock. Die Herstellung (Derya Yildirim) und das Lettering (Björn Liebchen) bleiben hingegen unverändert.
© Carlsen Verlag
Zudem verwundert es, dass der Protagonist dieser Comicbände im Deutschen Paul und nicht – wie im Original – Julius (Jules) heißt, da der Name Julius in Deutschland doch nicht ganz unbekannt ist. Solche Namensänderungen, die wohl durchgeführt werden, um dem Absatz des Comics auf dem deutschen Markt zu helfen, sind nicht unüblich, wurden in jüngerer Zeit aber immer seltener. Die prominentesten Umbenennungsfälle wären wohl Tim (Tintin) aus „Tim und Struppi“ („Les aventures de Tintin“), Miraculix (Panoramix) aus Asterix oder JoJo (Gaston Lagaffe), bei dem die Änderung jedoch nur in Rolf Kaukas zweiwöchig erscheinendem Primo-Magazin in den 1980er Jahren stattfand. In letzterem Fall wurde bei neuerlicher Veröffentlichung der Geschichten vom Carlsen Verlag der eigentliche Name des Protagonisten beibehalten. Bei der Änderung von Figurennamen stellt sich zwangsläufig immer auch die Frage der Motivation dieser Veränderung, vor allem da die Vergleichbarkeit mit der ursprünglichen Fassung via Internet so leicht wie niemals zuvor ist. Es soll hier keinesfalls der Eindruck entstehen, dass wechselnde Übersetzer oder Anpassungen an eine andere Sprache schlecht seien, hiervon kann keine Rede sein, allerdings nur dann, wenn Verweise und Wortspiele des eigentlichen Autors oder der übersetzenden Vorgänger mit in die eigene Übertragung fließen, sodass der Leser eine gewisse Kontinuität, wenn sie im Originalwerk vorhanden ist, auch in der Übertragung erkennen kann. Neben den bereits benannten Personen, die für den Produktionsprozess eines Comics erforderlich sind, spielen weitere nicht genannte eine wichtige Rolle. Für den Inhalt mit am ausschlaggebendsten dürfte der Lektor sein und dies schon bei der Entstehung der jeweiligen gezeichneten Geschichte. Die Bedeutung, die dem Lektor zu kommt, ist leicht ersichtlich, wenn man beispielsweise Ute Schneiders 2005 veröffentlichtes Buch "Der unsichtbare Zweite - Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag" als Referenz heranzieht und berücksichtigt, welchen Einfluss Lektoren mitunter auf die von ihnen betreuten Schriftsteller hatten.

Anhand all dieser in die Produktion einbezogenen Personen und unter Berücksichtigung der Verkaufszahlen mancher Werke ist es nicht verwunderlich, dass manche Comicserien nicht im Ganzen übersetzt, sondern während ihrer Publikation abgebrochen werden (müssen). Dass die Leser dieser beendeten Serien mit ihrer Einstellung unzufrieden sind, liegt hierbei auf der Hand. Aus dieser Frustration heraus, so zumindest die eigene Darstellung, entwickelte sich seit 2007 ein Comicverlag für das Wiedererstehen eingestellter Serien, der Verlag Finix Comics. Finix Comics ist ein Verein, der sich mit seinen momentan etwa 160 Mitgliedern um eine Realisierung der nicht übersetzten, noch fehlenden Bände einer abgebrochenen (frankobelgischen) Comicserie bemüht. Im April 2008 begann der Verein über den gegründeten gleichnamigen Verlag in Comicreihen fehlende Bände zu veröffentlichen. Hierdurch und durch den Vertrieb neuer Werke, die bisher nicht in deutscher Übersetzung erschienen waren, es aber laut diesem Verein und seinen Mitgliedern wert seien, versucht Finix Comics vorhandene Lücken des deutschsprachigen Comicmarktes zu schließen. 
Im Namen der Comicleser kann man nur hoffen, dass dies auch weiterhin geschehen kann, und dass mehr Frühwerke oder einzelne kurze Comics in Sammelbänden, die sonst der Leserschaft nicht unbedingt zugänglich wären, herausgebracht werden.



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Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder entstammen dem vom Carlsen Verlag der Presse zur Verfügung gestellten Material.

Dienstag, 2. Dezember 2014

comicbook:  
Der Geburtstag des dunklen Ritters
Im Gegensatz zu Superman, dem ersten "klassischen" amerikanischen Superhelden, wies der zweite als solche betitelter Kämpfer für das Recht in seinen gezeichneten Abenteuern keinerlei übernatürliche Fähigkeiten auf. Batman, von dem hier die Rede ist, stattdessen gelingt es, sich mittels seines Spürsinn, viel körperlichem Einsatz und teuren technischen Apparaturen für das von ihm derart verstandene Gute einzusetzen. 
Meyers Großes Konversations-Lexikon (1906).
Zwischen ebendiesen zwei Polen, welche die beiden ersten amerikanischen Comicsuperhelden in ihrer Konzeption mit sich brachten, sollten sich künftig auch die nachfolgenden Generationen von Comichefthelden ausrichten; zwischen Superkraft und menschlich Möglichem. 
Als Symbol seines Superhelden-Alter Ego wählt der fiktive Milliardär Bruce Wayne die Fledermaus, da er annahm, dass dieses Geschöpf der Nacht den Kriminellen Furcht bereiten würden und wurde hierdurch und durch eine Maske und ein Cape zu Batman; musste sich sodann aber nicht nur mit Gaunern und Dieben, sondern ebenfalls mit ganz anderen Gegenern herumschlagen. Bruce Wayne widmete deshalb sein restliches Leben dem Vereiteln von Verbrechen, da seine Eltern bei einem Raubüberfall erschossen worden waren und das Kleinkind, welches er damals gewesen war, dies hilflos mitansehen musste und nichts für sie hatte tun können. 
Der erste Superschurke der amerikanischen Comicmagazine entstand ein Jahr nach der erstmaligen Veröffentlichung einer Batmangeschichte im Umfeld des dunklen Ritters und sollte ihm als mordender, teilweise sehr verschrobener Rivale entgegenstehen. Dieser älteste Gegenspieler des maskierten Rächers ist der Joker. Im selben Jahr (1940), in der "Detective Comics" Ausgabe 38, wurde Dick Grayson im Kostüm und unter dem Namen Robin zu Batmans erstem Verbündeten, sodass der Streiter für das Recht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr alleine fungieren musste. Zudem erschloss der Sidekick Robin jüngeren Lesern einen weiteren identivikatorischen Zugang in die Welt der Comichelden, was dazu führte, dass Nebenrollenfiguren nach und nach in viele andere Comicgeschichten aufgenommen wurden.

Am 29. November 2014 fand anlässlich des 75-jährigen Bestehens des von Bob Kane (eigent. Robert Kahn, 1916-1998) und  Bill Finger (1914-1974) geschaffenen Fledermausmanns der vom Panini Verlag und manchen Comicbuchhändlern veranstalte "Batman-Tag" statt.
Für den "Batman-Tag" stellte Panini ein Gratiscomicheft mit dem Titel "75 Jahre Batman", eine für den jeweiligen Verkäufer individualiserte Variante der neuen Serie "Batman Eternal", die für fünf Euro zu erwerben war gegebenenfalls noch ist, und unterschiedliche Batmanmasken aus Pappe den Interessierten zur Verfügung. Eine Liste der teilnehmenden Geschäfte und des für diese Veranstaltung werbenden Plakats ist über der Homepage des Verlages einsehbar.

© Panini / picti mundi
Das Gratiscomicheft enthält eine bisher unveröffentlichte Batmangeschichte des Autors Gregg Hurwitz und des Zeichners Neal Adams, einen erneuten Abdruck des ersten Auftritts des Fledermausmannes im Jahre 1939, in der 27. Ausgabe des Comicmagazins "Detective Comics", und unter anderem eine Chronologie von Ereignissen, die in den vergangenen 75 Jahren für die Comicserie und die Figur Batman wichtig gewesen waren, wie etwa das 1940 in "Batman 4" zum ersten Mal der Name der Stadt mit "Gotham City" fiel, dass der Pinguin 1941 und der Riddler 1948 debütierten, wie Informationen zu den Verfilmungen und vieles weitere. 
Die erste Ausgabe des Batmanablegers "Batman Eternal" erscheint im Programm von Panini regulär erst ab Januar 2015 und ist somit in seiner Spezialedition schon gut einen Monat früher erhältlich. Diese individualisierte und demnach jeweils limitierte Ausgabe erscheint mit einem Auftrug des sie vertreibenden Comichändlers auf Vorder- und Rückseite. Diese Batmangeschichte beginnt mit der Ankunft von Jason Bard aus Detroit in Gotham City, der seinen neuen Job als Lieutenant der Nachtschicht bei der Polizei Gothams antritt und als erste Amtshandlung Commissioner James (Jim) Gordan, der in einen Unfall der Ubahn mit Toten und Verletzten verwickelt ist, verhaften muss. Doch hinter diesem Vorfall scheint ein Plan zu stecken, der nichts Gutverheißendes verspricht. "Batman Eternal" ist hauptsächlich von Scott Snyder und James Tynion IV geschrieben, die Zeichnungen stammen von Jason Fabok, die Kolorierung von Brad Anderson und die Übersetzung, die der Paniniausgabe zugrunde liegt ist von Brad Anderson.
© Warner Bros. Pictures, Legendary Pictures, DC Comics
Bei dreizehn Fernsehserien und weit mehr als zwanzig Kinofilmen ist Batman und seine Welt gegenwärtig so präsent, wie es sonst nur wenige andere Comichelden mit ihren Geschichten sind. Das beste Beispiel hierfür sind die von Christopher Nolan (1970-) produzierten Batmanfilme, namentlich der 2008 erschienene Kinofilm "The Dark Knight" mit Christian Bale (1974-) in der Rolle des Batman alias Bruce Wayne und Heath Ledger (1979-2008) in der Rolle des Jokers, der - unter anderem auch aufgrund des Todes von Ledger - eine äußerst breite Aufmerksamkeit erfuhr.

 
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Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder sind entweder gemeinfrei oder ihr Copyright wurde kenntlich gemacht. 

Dienstag, 25. November 2014

アニメ (Anime): 
Studio Ghiblis "Die Legende der Prinzessin Kaguya" 
Das neuste Werk des Studio Ghiblis (スタジオジブリ) ist eine neue Umsetzung einer etwa aus  dem 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammenden japanischen Erzählung. 
© Universum Film
Diese Erzählung trägt den Namen die "Geschichte vom Bambussammler" (Taketori Monogatari, 竹取物語) oder auch die "Geschichte der Mondprinzessin" (Kaguya-hime no Monogatari, かぐや姫の物語). Sie gilt als die älteste überlieferte japanische Vertreterin der Monogatarierzählungen. Unter der Sammelbezeichnung Monogatari wurden in Japan ungefähr zwischen dem zehnten und dem fünfzehnten Jahrhundert literarische Erzählungen summiert, die auf nicht realen Ereignissen beruhen.
Kaguyahime auf dem Weg zum Mondpalast (1888)
Mangas und Animes bedienten sich des Öfteren am Stoff dieser romanhaft fiktionalen Erzählung, sei es in Form einer direkten Adaption des Stoffes um den Bambussammler und die Mondprinzessin oder durch zitierte Elemente und Textpassagen. Doch durchziehen die Motive aus dieser Erzählung die japanische Kunst schon länger und dies auch beständig. Was unter anderem an Holzschnitten aus dem 17. Jahrhundert von Tosa Hirosumi (土佐広澄) und Tosa Horomichi (土佐広通) oder aus dem 19. Jahrhundert von Tsukioka Yoshitoshi (月岡 芳年, 1839-1892) ersichtlich wird.
Taketori Monogatari (etwa 1650)
Die letzte größere Filmumsetzung der Erzählung wurde unter dem Direktor Ichikawa Kon (市川 崑, 1915-2008) und dem Produzenten Nagata Masaichi (永田 雅一, 1906-1985) durch das Filmstudio Tōhō im Jahre 1987 realisiert. Diese etwa zwei Stunden messende Realverfilmung mit dem Titel Taketori monogatari (竹取物語) erhielt drei Preise und noch mehr Nominierungen des Japans Akademie Preis (Nippon Akademī-shō, 日本アカデミー). 


Die aus dem vergangenen Jahr stammende Umsetzung der Erzählung um den alten Bambussammler, seine Frau und die Mondprinzessin des Studio Ghibli (スタジオジブリ) ist derzeit und zwar seit dem 20. November 2014 unter dem Titel "Die Legende der Prinzessin Kaguya" (Kaguya-hime no Monogatari, かぐや姫の物語) in den deutschen Kinos zu sehen. Sie ist das Werk des japanischen Filmregisseurs Takahata Isao (高畑 勲, 1935-), der gemeinsam mit Miyazaki Hayao (宮崎 駿, 1941-) und der Produktionsfirma Tokuma Shoten einer der Gründer des Studio Ghiblis ist. 
© Universum Film

Der Anime von Takahata handelt davon, wie auch die ursprüngliche Erzählung, dass ein alter, armer Bambussammler in einem Bambushain einen leuchtenden Bambus entdeckt. Dieser leuchtende Bambus markiert die Stelle, an welcher er sodann eine Frau finden soll, die so klein ist, dass sie in seine Händen passt. Er nimmt sie heim zu sich und zeigt sie seiner Frau, doch als seine Frau diese kleine Person berührt, verwandelt sie sich in ein Baby. Dieses ihnen zugesandte Kind ziehen die beiden alten Leute nun bei sich auf. Sie müssen allerdings recht schnell erkennen, dass das junge Mädchen, welches durch sie gefunden und aufgenommen wurde, nicht ganz normal ist, denn das Baby wächst schubweise und rasant erst zu einem Kleinkind und alsbald zu einem jungen Mädchen heran. 
© Universum Film

Durch die vermeintliche Hilfe des Himmels erlangen der Bambussammler und seine Frau überraschend großen Reichtum, was den einstigen Bambussammler dazu bewegt in die Stadt zu ziehen und seine Adoptivtochter als feine Dame erziehen zu lassen. Die Anmut und Schönheit der heranwachsenden jungen Frau, die den Namen Kaguya erhält, verzückt - schon allein vom Hörensagen - viele Edelleute, die hierauf um sie werben. Um nicht verheiratet zu werden, was Kaguya nicht als erstrebenswert erachtet, fordert sie von den um sie buhlenden Edelleuten, dass sie ihr die von ihnen im Vergleich mit ihr und ihrer Schönheit beschriebenen Schätze bringen. Was aufgrund der Seltenheit der Schätze, die allesamt legendäre Kostbarkeiten sind, mehr als nur schwierig ist und abenteuerliche Ereignisse mit sich zieht. 
 
© Universum Film

Die Bilder dieses Animes sind an alte japanische Wasserfarben- und Tuschemalereien angelehnt und erzeugen eine eindrückliches und äußerst ergreifendes Filmerleben, welches so vom Studio Ghibli bisher nicht umgesetzt worden ist und mitunter in den Landschaftsdarstellungen am Deutlichsten wird. Takahata schafft es in diesem Film kontrastiv - aber auch bewusst zugespitzt - zu zeigen, was Armut und Reichtum im Japan älterer Tage für die Individuen bedeutete, doch erzählt er mit diesem Anime auch von der Entwicklung von Kindern, der Einflussnahme von Eltern auf ihren Nachwuchs, von Abenteuern und von unerfüllter Liebe. Dem Film "Die Legende der Prinzessin Kaguya" gelingt es auf verschiedensten Ebenen bewegend zu sein und so zeitgleich Freude, Trauer und Rührung zu übermitteln.
© Universum Film
© Universum Film 
Die beiden Mitbegründer des Studio Ghibli, die im letzten Jahr ihren Rücktritt von der Leitung der Produktionsarbeiten des Filmstudios und ihren Eintritt in den Ruhestand vollzogen, legten in Japan im gleichen Jahr (2013) noch jeweils einen neuen Film vor. Im Falle von Miyazaki war dieser Film, der bereits im Juli diesen Jahres in den hiesigen Kinos ausgestrahlt wurde, "Wie der Wind sich hebt" (Kaze Tachinu, 風立ちぬ) und bei Takahata ist es "Die Legende der Prinzessin Kaguya".
 
© Universum Film 
Mit diesem Anime wird von Takahata Isao nach einer annährend fünfzehnjährigen Pause, die seit seinem Film "Meine Nachbarn die Yamadas" (1999) bestand, abermals einer seiner Filme auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser gezeigt. Takahata ist vor allem - neben den Werken, die er gemeinsam mit Miyazaki schuf - für seinen Anime "Die letzten Glühwürmchen" (1988) bekannt. Bei dem Werk "Die letzten Glühwürmchen" handelt es sich um eine zeichnerische Realisierung des von Nosaka Akiyuki (野坂 昭如,1930-) stammenden Romans „Das Grab der Leuchtkäfer“ (1967), welches 1992 in seiner deutschsprachigen Übersetzung bei Rowohlt erschien.

Um die erstmaligen Kinovorführungen dieser beiden japanischen Zeichentrickfilme in Deutschland wurde das "Studio Ghibli Film Festival" von Universum Film in einunddreißig Städten zu unterschiedlicher Zeit veranstaltet. Während des Festivals wurden sieben Filme gezeigt: "Mein Nachbar Totoro", "Meine Nachbarn die Yamadas", "Porco Rosso", "Chihiros Reise ins Zauberland", "Das wandelnde Schloss", "Ponyo – Das große Abenteuer am Meer" und "Wie der Wind sich hebt". (In Kassel, Köln, Münster und Oberhausen ist das "Studio Ghibli Film Festival" bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht gestartet.) 
 © Universum Film
Während hierzulande noch die Ghiblifilme aus dem letzten Jahr in ihrer deutschen Synchronfassung vorgeführt wurden und werden, lief in Japan am 19. Juli der Anime Omoide no Marnie (思い出のマーニー) in den Lichtspielhäusern und am 11. Oktober beim japanischen Fernsehsender NHK BS Premium eine Adaption von Astrid Lindgrens (1907-2002) "Ronja Rövardotter" als Serie unter dem Name "Sanzoku no Musume Rōnya" (山賊の娘ローニャ) an. Diese Animeserie wurde durch die Zusammenarbeit von Polygon Pictures mit dem Studio Ghibli geschaffen. Die Leitung hatte Miyazaki Gorō (宮崎 吾朗, 1967-), der Sohn Miyazaki Hayaos, der bereits die Regie bei den Ghiblifilmen "Die Chroniken von Erdsee" (ゲド戦記, 2006) und "Der Mohnblumenberg" (コクリコ坂から, 2011) inne hatte. Bei "Sanzoku no Musume Rōnya" handelt es sich um das erste computeranimierte Werk, bei dem das Studio Ghibli beteiligt war.

 
© Studio Ghibli und Polygon Pictures
Der Anime "Omoide no Marnie" wurde unter der Leitung von Yonebayashi Hiromasa (米林 宏昌, 1973) produziert und basiert auf der von Joan G. Robinson geschriebenen Geschichte "When Marnie Was There".
 © Studio Ghibli
"Omoide no Marnie" wird vorerst der letzte Ghiblifilm sein, da - wie der Hauptgeschäftsführer des Studio Ghiblis Suzuki Toshio (鈴木 敏夫, 1948-) es formulierte - ein großer struktureller Wandel innerhalb des Studios vollzogen würde und es deswegen eine Pause geben solle. Näheres hierzu ist aber bisher noch nicht bekannt gegeben worden.






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