Dienstag, 4. November 2014

Verschiedenartige gemeinfreie japanische Zeichnungen und der Manga "Give My Regards to Black Jack" von Satō Shūhō

Über japanische Holzschnitte, Pinselzeichnungen und was der moderne Manga und Satō Shūhō mit ihnen gemein haben. 
Die Geschichte der japanischen Holzschnitte und die damit verbundenen Techniken des Handwerks der Holzschneider gehen zurück bis ins 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Zuerst beschränkten sich die Sujets des Holzschnitts auf religiöse Darstellungen, lösten sich aber ab dem 17. Jahrhundert und mit einer durch den Vertrieb erster nicht religiöser Texte einhergehenden Kommerzialisierung von den religiösen Motiven. Diese weltlichen, gleichfalls auf Unterhaltung ausgelegten Texte waren mit zahlreichen Holzschnitten bebildert und in Kyōto, Ōsaka und Tokyo gedruckt worden. Nach und nach wurden die Drucktechniken besser, sodass neben den anfänglichen Schwarzweißabbildungen über annähernd einhundert Jahre und einige Entwicklungsstufen nun ebenfalls, ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts, komplexere Farbabbildungen vervielfältigbar waren. 
Holzschnitt von Katsushika Hokusai (Um 1814-1815)
Die ukiyo-e Gemälde und Holzschnitte, die größtenteils aus Edo stammten, welches im Gebiet des heutigen Tokyos lag, waren es, die die vergängliche irdische Welt thematisierten und das damalige Lebensgefühl der in der Stadt lebenden Menschen und des gerade im Entstehen begriffenen Bürgertums der Edo-Zeit (1603-1868) einfingen.

Ukiyo-e-Holzschnitt von Kawanabe Kyôsai (1872)
Die Geschichte der japanischen Pinselzeichnungen reicht mindestens so weit zurück, wie die der Holzschnitte, wahrscheinlich sogar noch weiter. Die mit Tusche, Farbe oder Tinte gezeichneten Bildnisse sind zwar ihrer Art nach dem Holzschnitt ähnlicher als einem mit Pinseln gemalten Bild, jedoch mitnichten derart leicht zu reproduzieren, wie es die Arbeiten eines Holzschneiders waren. Ebendies beförderte eine geringere Verbreitung der Pinselzeichnungen als die der Holzschnitte, sorgte aber gerade aufgrund der eingeschränkteren Verfügbarkeit für eine Exklusivität der Zeichnungen, die der von Gemälden nahekam.
Pinselzeichnungen von Utagawa Kuniyoshi (Etwa 1850) 
Tusche und Wasserfarben auf Seide von Utagawa Toyokuni (1789-1801)
Alte japanische Zeichnungen, wie diese, sind in unterschiedlichen Museen auf der ganzen Welt zu betrachten und sind dort durchaus kein ungewöhnliches Ausstellungsstück mehr. Aufgrund ihres Alters sind diese Zeichnungen mittlerweile längst gemeinfrei, doch bei ihren mehr oder minder indirekten Nachfolgern den japanischen Comics ist dies keineswegs solcherart. Auch, da die meisten Mangas, die gegenwärtig besondere Aufmerksamkeit erfahren, jüngeren Datums sind und demnach für sie weiterhin das Urheberrecht des jeweiligen Landes gilt. Dabei ist die Bezeichnung "Manga" keinesfalls neu.
Illustrationen von Katsushika Hokusai
Im Badehaus von Katsushika Hokusai
Der in Edo geborene Maler und Holzschneider Katsushika Hokusai (1760-1849) prägte die Bezeichnung "Manga" und machte sie über seine Skizzen, welche er so betitelte, bekannt; auch wenn die Bezeichnung nicht von ihm selbst stammt. Bei diesen Mangas handelt es sich um Skizzen, die unter anderem Situationen des Alltags oder einfach nur Gegenstände abbilden und mitnichten Geschichten erzählen oder Zusammenhänge zu schaffen versuchen. Sie erschienen gesammelt in fünfzehn Bänden, die in den Jahren 1814 und 1815 publiziert wurden. Katsushika Hokusais Zeichnungen und Skizzen sind zwar bereits gemeinfrei, aber schon bei den Arbeiten Kitazawa Rakutens (1876-1955), der als einer der Begründer des modernen Mangas gilt, ist dies nicht mehr der Fall.

Der japanische Mangaka 佐藤 秀峰 (Satō Shūhō oder auch Sato Syuho, 1973-) dessen Werke unter anderem ins Englische, Französische, Spanische und Italienische - aber nicht ins  Deutsche - übersetzt wurden und der über zehn Millionen Exemplare seines Mangas "Say Hello to Black Jack" (ブラックジャックによろしく - Black  Jack ni Yoroshiku) verkaufte, wählte am 15. September 2012 einen äußerst ungewöhnlichen Schritt. Denn ab dem 15. September 2012 stellte er alle dreizehn Bände ebendieses Mangas in Japanisch und Englisch nicht nur kostenlos und für alle zugänglich ins Internet (漫画onWeb), sondern erlaubte auch allen unter einigen Auflagen mit seinem Werk zu tun, was sie wollen.  
Mit "Say Hello to Black Jack", das auch als "Give My Regards to Black Jack" übersetzt wurde, gewann Satō Shūhō 2006 einen von vier vergebenen Exzellenzpreisen des "Japan Media Arts Festivals". 
Satōs "Give My Regards to Black Jack" erzählt die Geschichte des Medizinstudenten Eijiro Saito, der sich als Assistenzarzt im Universitätskrankenhaus und dessen Alltag behaupten muss. Denn als einer von etwa 8000 Studenten, die jährlich in Japan ihr sechs Jahre dauerndes Medizinstudium erfolgreich absolviert haben, beginnt für Saito nun bei sechzehnstündigen Arbeitstagen und einer monatlichen Vergütung von knapp 500 Dollar der Praxisbestandteil seiner Ausbildung zum Arzt, der circa zwei Jahre dauern soll. 
Die Handlung von "Give My Regards to Black Jack" setzt drei Monate nach Saitos Beginn seiner Assistenzarzttätigkeit ein und kurz bevor er halbtags im "Seido Krankenhaus" in der Nachtschicht zu arbeiten anfängt, um sich dort seinen Unterhalt zu verdienen.  
Satō Shūhō erzählt in seinem Manga von der physischen und der psychischen Belastung und dem ständigen Leistungsdruck unter dem Mediziner - nicht nur während ihrer Arbeit - stehen, aber ebenfalls von den ethischen Konflikten, die diese immer wieder mit sich selbst und mit anderen verhandeln müssen. Allerdings bleibt die Geschichte von "Give My Regards to Black Jack" nicht auf die medizinischen Aspekte beschränkt, sondern sie schildert das gesamte Leben ihres Protagonisten und mit ihm hat die Leserschaft über 127 Kapitel hinweg die Möglichkeit die Zustände und die Mängel im Gesundheitswesen sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Saitos Privatleben bestimmen, zu ergründen. 
Seite 1 des Kapitels "Climbing the Hill"



Seite 2 des Kapitels "Climbing the Hill
Satō Shūhō, der zuvor als Assistent zweier Mangaka gearbeitete hatte, debütierte im Jahre 1998 im "Weekly Young Sunday" mit seinem Manga "おめでとォ!" (Omedetoo!), was in regulärer Schreibweise "おめでとう" (Omedetō) eine Glückwunschsfloskel ist und an der Stelle der Katakanasilbe ォ (o) eine Hiraganasilbe う (u) aufweist. Neben Satōs Manga "Give My Regards to Black Jack" erfuhr auch sein Werk 海猿  (Umizaru), das zwischen 1999 und 2001 veröffentlicht wurde, mehrere filmische Umsetzungen.
Nachdem der Vertrag mit dem eigentlichen Herausgeber seines Mangas "Say Hello to Black Jack" durch Satō 2010 beendet wurde, machte er sich an die online Veröffentlichung dieses Werkes. Auf seiner Hompage 漫画onWeb sind allerdings nicht nur die 127 Kapitel der dreizehn Bände von "Give My Regards to Black Jack" einzusehen, sondern noch weitere Mangas, diese jedoch lediglich in Japanisch. Dass sich für Satō dieser Schritt der quasi Gemeinfreimachung seines Werkes gelohnt hat, zumindest als ein für ihn und sein Schaffen gutes Marketing, belegen nicht zuletzt weit mehr als eine Millionen als App heruntergeladene Versionen von "Give My Regards to Black Jack".  
 
"Give My Regards to Black Jack", der sich eher an eine erwachsene Leserschaft richtet, wie auch die Werke von Utagawa Kuniyoshi, die Werke von Kawanabe Kyôsai und vor allem die Werke von Katsushika Hokusai - von denen doch zumindest der Farbholzschnitt "Die große Welle vor Kanagawa" einem überaus breiten Publikum bekannt sein dürfte - sind vielseitig und es wert, dass man sich mit ihnen erstmals oder erneut beschäftigt. 
"Die große Welle vor Kanagawa" aus Katsushika Hokusais Bilderzyklus "36 Ansichten des Berges Fuji"

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Die in diesem Beitrag verwendeten Zeichnungen sind entweder gemeinfrei (http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG) oder sie entstammen dem Manga "Give My Regards to Black Jack" (ブラックジャックによろしく) von Satō Shūhō (佐藤 秀) und können über dessen Website Manga on Web (漫画onWeb) http://mangaonweb.com/ eingesehen werden, wie in diesem Blogbeitrag zu lesen gewesen ist. 

1 Kommentar:

  1. Satō Shūhō berichtete ferner in einem von ihm verfassten Buch mit dem Titel "Manga binbō" (Manga Armut) davon, dass das Leben als Mangaka mit Arbeitstagen von 16 bis zu 20 Stunden und einen dennoch spärlichen Einkommen für 99 Prozent der Mangaka sehr hart sei und gibt anderen Autoren und Zeichnern Ratschläge, die aus seiner erlernten Erfahrung und den damit verbundenen Fehlschlägen stammen.
    Ein gezeichneten Einblick in die Mangabrache vermittelt zudem der Manga "Bakuman.", dessen 20 Bände bei Tokyopop erhältlich sind.

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