Montag, 10. April 2017

Der Zauber der Imagination – Ryosuke Oshiros fantastische Animation

Dieser Blogeintrag soll sich mit dem japanischen Zeichner, Animator und Regisseur Ryosuke Oshiro beschäftigen, ist aber ebenfalls auch als YouTubevideo zusehen. 
Neben der Faszination Ryosuke Oshiros für Godzilla und der damit verbundenen Affinität Städte zu Zerstören, also künstlich von Menschen Gemachtes vermittels einer gewissen Natürlichkeit wieder zu Rekonstruieren, sind seine Werke besonders durch einen bunten und äußerst vielfältigen Zeichen- und Animationsstil geprägt. Eine farbenfrohen Mannigfaltigkeit, die sich bevorzugt in den Köpfen seiner Figuren zu ereignen scheint und sich sodann dem Publikum durch die Visualisierung in all ihrer Vielschichtigkeit offenbart.
Die gewaltsame Destruktion des von Menschen Geschaffenen bringt jedoch in der Mehrzahl seiner Werke eine Neuordnung der Beziehungen, der in diese Ereignisse involvierten Figuren mit sich. Im Zusammenstoß von kulturell Erdachtem, mit natürlich und menschlich Ersehntem gelangen die Protagonisten, über ein mentales Ausverhandeln ihrer Situation, zu einer neuen geistigen Verfasstheit ihrer selbst, die ihnen eine geänderte Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit zeigt. Diese innerlichen Auseinandersetzungen der Hauptfiguren mit sich selbst und ihrem jeweils imaginiertem Gegenüber verbildlicht Ryosuke Oshiro in seinen Werken als schriller Reigen kreativer Analogien und Metaphern.
Dieses Zusammentreffen von innerer und äußerer Welt führt am Ende der verschiedenen Animes zu Wendungen, die das Gezeigte noch einmal derart konkretisieren, dass der vom Publikum vorab angenommen Kontext in gewandelter Gestalt, dafür aber in aller Deutlichkeit in Erscheinung tritt.
Dieser Beitrag versucht Ryosuke Oshiros Geschichten und deren Metaphorik in ihrer freisten und kreativsten Form zu beschreiben, weshalb sich hier vornehmlich auf seine im universitären Rahmen geschaffenen Werke fokussiert werden wird und weniger auf seine Arbeiten der letzten zwei Jahre. Folglich wird an dieser Stelle nur am Rande auf seine Regie- und Animationsarbeit für unterschiedliche Musikvideos und überhaupt nicht auf seine Erwerbsarbeit als Zeichner und CG-Animator diverser Animeserien unter anderem bei Animationsstudio Sanzigen eingegangen werden, auch wenn manches hiervon durchaus eines genaueren Blickes würdig wäre. 
Sich seiner universitären Animationen zuwendend, fällt zuvörderst auf, dass er für verschiedene Werke diverse Preise gewann, für seinen Anime „Akichiasobi“ bzw. „Playground“ allein elf unterschiedliche Auszeichnungen.1 Deren Preisgelder sein Lebensunterhalt während des Studiums aufrieb.2 Die Grundidee des Werks „Akichiasobi“, dem eine Planung von zwei Monaten und eine Produktion von drei Monaten zu Grunde lag,3 so Ryosuke Oshiro in einem Interview mit einem Blog, der über die vierte Geidai Animation berichtet, sei das Ausloten des Begriffs Freundschaft und dem damit verbundenen Empfinden und Verstehen gewesen.4 Was er anhand von einstigen kindlichen Vorstellungen und Erzählungen von Freunden, die er fantasievoll ausgeschmückt und an seine bevorzugten Orte versetzt habe, zu vermitteln versuchte.5
Dementsprechend folgte auf die zweimonatige Ideen- und Konzeptionsphase das Anfertigen des Drehbuchs sowie erste gezeichnete Entwürfe, die Schritt für Schritt vervollständigt worden waren, damit sie schließend animiert und um die Tonebene ergänzt werden konnten. Die Hintergründe und die animierten Bewegungen wurden für diesen Anime einzeln von Hand gezeichnet und schließlich am Computer zusammengefügt, berichtete Ryosuke Oshiro in jenem bereits benannten Interview und auch, dass ihm die Umsetzung des erdachten Ideals ins tatsächliche Bild die größten Unwegsamkeiten bereitete.6 Er bezeichnete, in einem anderen Interview, dass er anlässlich des gewonnenen Preis des siebten Toho Filmfestivals gab, die Szene, in der der Tokyo Tower und der Sky Tree zerstört werden, als seine Lieblingsszene, da er sie wieder und wieder gezeichnet habe, bis er diese Szene letztlich in ihrer Gänze verstanden hätte.7
In einem anderen Interview, welches er mit dem digiconMagazin führte, erklärte er, dass er sich nicht von seinen vorherigen Arbeiten einschränken lassen und sich beim nächsten Mal noch mehr Mühe geben wolle.8 Sein Ziel sei es gewisser Maßen bis zu seinem Tode tiefer und tiefer in die Welt der Bilder einzutauchen.9
Folglich werden Imagination und deren zeichnerisches Abbilden in seinen Animes wiederholt visuell umgesetzt, wodurch sie unter anderem über eine somit gegebene Selbstreferentialität einen authentisch wirkenden Schöpfer, der von den Zuschauenden impliziert wird, kreieren und zwar gerade dadurch, dass ein ums andere Mal auf dieses Element zurückgegriffen wird, sei es in direkter oder in indirekter Weise.
Jenen farbenfrohen und in ihrem Stil bunt wechselnden Zeichnungen und Animationen Ryosuke Oshiros scheint ein ersehntes Anderes innezuwohnen, dessen Zauber das gesamte Werk beherrscht und sich sowohl im Bild als auch in der Narration der jeweiligen Geschichte darbietet. Gleich ob einer seiner Titel von menschlichen Konflikten, von unerfüllter Liebe und mit dieser einhergehenden Wunschträumen, von der Verschiedenartig und Undurchsichtigkeit der menschlichen Natur, wie etwa der Gier, von Einsamkeit, Fantasie und Freundschaft, von alltäglichen Schwierigkeiten, erträumten Parallelwelten und ersten Liebesgeständnissen, vom Aufeinandertreffen der vergangenen Kindheit mit all ihrer Magie und der Gegenwart des Erwachsenseins oder von einer futuristisch technologischen Welt mit all ihren skurrilen Besonderheiten und Möglichkeiten erzählt, weist dieser Titel doch stets jenen erdachten und sonst nicht derart unmittelbar zu erreichenden Raum des Fantastischen als seinen zentralen Ankerpunkt aus.

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8 Vgl. http://www.digicon6.com/ap/073.html, am 08.04.2017. 

Sonntag, 2. April 2017

So etwas wie eine Review zu ACCA

Zeit ist begrenzt und in dem Maße, in dem sich die neu anlaufenden Titel je Season vermehren, vermindert sich auch die Aufmerksamkeit für den einzelnen Animetitel, ganz unabhängig von der jeweiligen Qualität des entsprechenden Werks. Selbstverständlich ist in den letzten Jahren vermittels ausgebautem Simulcastangebot eine generell größere Sichtbarkeit vieler neuer Animeserien gegeben, jedoch nicht für alle Titel.
Einer dieser Titel ist „ACCA: Ju-san ku Kansatsu-ka“ kurz „ACCA“. Dass „ACCAs“ eigentliche Handlung erst in der vierten Folge wirklich offensichtlich wird, da die ersten drei Folgen allein dem Etablieren der Welt und der Charaktere gewidmet sind, ist für einen Einstig in diesen Anime auch nicht gerade förderlich. Weshalb es nicht verwundert, dass nach den ersten Folgen mitunter nur der vage Eindruck eines andersartigen Zeichenstils und eine Vorliebe für Essensabbildungen zurückbleiben kann. Jedoch enthält der Anime weit mehr als nur diese Komponenten, so wird beispielsweise selbst das repetitiv wirkende Abbilden von Zigaretten zu einem Schlüsselmotiv des Animes.
Zur Prämisse des Animes:
13 unabhängige Staaten hatten sich einst zum Königreich Dowa zusammengeschlossen, die einzelnen Staaten verwalten sich jedoch weiterhin autonom selbst. Als verbindende und stabilisierende Macht innerhalb dieses Geflechts aus unterschiedlichen Staaten dient die Organisation ACCA. Innerhalb der Organisation ACCA gibt es eine Inspektionsabteilung, deren zweiter Befehlshaber Jean Otus der Protagonist dieses Animes ist. In den ersten drei Folgen wird nun nach und nach die politische Situation, die Verwaltungsstruktur der Organisation ACCA, aber vor allem Jean Otus und dessen unmittelbares Umfeld gezeigt und somit die Funktionsweisen dieser Welt dem Publikum offenkundig. Das all diese Elemente in den ersten Folgen so gründlich etabliert werden, ist deshalb von besonderer Bedeutung, da nach den Feierlichkeiten zum 99. Geburtstag des Königs dessen Sohn seine baldige Nachfolge antreten soll und sich somit ein Umbruch anbahnt, was einigen Bewohnern des Königreichs Dowa gar nicht recht zu sein scheint. Gerüchte liegen in der Luft, dass es ein Staatsstreich geben könnte. Ein Staatsstreich, in den Jean Otus – wider seines Wissens und Willens – auf seinen Inspektionsreisen in die verschiedenen klimatischen und kulinarischen Regionen mehr und mehr verstrickt wird, bis schließlich die ganze Tragweite dieser Gerüchte erkennbar wird. 
ACCA” wirkt wie eine gelungene Mischung aus „Legendof the Galatic Heros“ und „Die Rosen von Versailles“ oder aber wie ein politisch modernes „House of Five Leaves”. Gerade der letzte Vergleich liegt förmlich auf der Hand, da beide Mangavorlage, also sowohl die “ACCAs” als auch jene von “House of Five Leave” von Natsume Ono stammen, was an sich schon ein Sehen des Animes legitimieren sollte.