Dienstag, 28. Oktober 2014

bande dessinée: 
Zum 75jährigen Jubiläum gibt es eine neue Geschichte aus der Vergangenheit Spirous 
Szenarist Yann (Leppennetier), Zeichner Olivier Schwartz und Laurence Croix – für die Colourisierung zuständig – legen mit ihrem Band „Die Leopardenfrau“ die Fortsetzung ihres aus dem Jahre 2009 stammenden Spirou“-Abenteuers „Le Groom vert-de-gris“ vor. 
© Carlsen Verlag
Am 21. April 1938 erschien erstmals das „Spirou“-Magazin („Le Journal de Spirou“) mit der von Rob-Vel (Robert Velter) gezeichneten titelgebenden Serie Spirou auf dem Deckblatt. Das Comicmagazin, das für eine junge franko-belgische Leserschaft konzipiert wurde, war vom Verleger Jean Dupuis als Gegenpol zu den amerikanischen Comicserien erdacht, die in „Le Journal de Mickey“ seit 1934 abgedruckt wurden. Die Geschichten rund um Spirou – einem kleinen Hotelpagen in roter Livree –, der heutzutage zu den bekanntesten europäischen Comicfiguren gehört, entwickelten sich schnell weiter, und lösten den kleinen Jungen von seiner Pagentätigkeit und sandten ihn um die Welt. 
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Wirkliche Bekanntheit erlangte die „Spirou“-Serie allerdings erst unter André Franquin, dem dritten Zeichner der Serie, welcher in den 1950er Jahren wesentliche Neuerungen in den Comic einführte, beispielsweise war die Titelfigur inzwischen erwachsen geworden, hatte Freundschaften geschlossen und die üblen Vorhaben einiger schurkischer Gegenspieler vereitelt.
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Zu ebendieser Zeit wetteiferten die beiden belgischen Comicmagazine mit ihren vorzeige Zeichnern um die Gunst der Leser; Franquin mit dem „Spirou“-Magazin gegen Hergé (Georges Prosper Remi) mit dem „Tintin“-Magazin. Das „Tintin“-Magazin erschien erst im Jahre 1946, nachdem „Tim und Struppi“(„Les aventures de Tintin“) zuvor ab 1929 in „Le Petit Vingtième“, der Jugendbeilage einer katholischen Tageszeitung, veröffentlicht worden war. Diese Tageszeitung wurde nach der Besatzung Belgiens durch Deutschland im Jahre 1940 eingestellt, worauf die Geschichten von „Tim und Struppi“ als ein täglicher Comicstrip in der Zeitung „Le Soir“ zu lesen waren. Dass das „Tintin“-Magazin jedoch ab 1993 eingestellt werden musste, hat nichts mit dem Wettstreit der beiden Magazine zu tun, sondern begründet sich allein darin, dass Hergé zehn Jahre zuvor gestorben war und „Tim und Struppi“, die namengebende Serie des Magazins, seitdem nicht mehr fortgesetzt wurde, was das Magazin sein Aushängeschild und hierdurch Teile seiner Leserschaft kostete. Anders verhielt es sich mit dem „Spirou“-Magazin und deren Titelserie, deren Autoren und Zeichner über die Jahre hinweg wechselten. 
© Carlsen Verlag
Bis zum heutigen Tag haben an der regulären „Spirou“-Serie zwölf Zeichner und Autoren gearbeitet, hinzukommen noch seit 2006 Sonderbände in denen Autoren und Zeichner abgekoppelt von der laufenden Serie und deren Ereignissen die Figuren meist in einem in sich geschlossenen Band auf ihre Weise interpretieren durften. Diese Sonderbände boten auch Yoann Chivard und Fabien Vehlmann mit „Die steinernen Riesen“ 2006 die Möglichkeit sich mit der „Spirou“-Serie zu beschäftigen, ehe sie die laufende Serie im Jahr 2010 übernahmen, aber auch Zeichner wie Emile Bravo - mit seinem „Porträt eines Helden als junger Tor“ 2008 - nahmen diese Gelegenheit wahr und versuchten ihre eigenen Interpretationen der von Rob-Vel geschaffenen Figur. 
© Carlsen Verlag
Beim neusten „Spirou und Fantasio Spezial“-Band handelt es sich um einen solchen Sonderband und die Fortsetzung des von Yann (Leppennetier), Olivier Schwartz und Laurence Croix geschaffenen Spirouabenteuers „Le Groom vert-de-gris“ aus dem Jahre 2009 („OperationFledermaus“ 2010 bei Carlsen).
Yann und Schwartz schildern in ihrer erste „Spirou“-Geschichte „Operation Fledermaus“ die Lebenssituation im von der Deutschen Wehrmacht besetzten Brüssel des Jahres 1942 und wie die beiden Freunde Spirou, Page im von der Gestapo als Einsatzzentralle umfunktionierten Hotel Moustic, und Fantasio, der für die unter deutscher Kontrolle stehende Tageszeitung „Le Soir“ als Journalist arbeitet, im Rahmen ihrer Möglichkeit Widerstand gegen die Besatzer leisten. 
© Carlsen Verlag
„Operation Fledermaus“ endet mit dem Einzug alliierter Streitkräfte in Belgien im Jahre 1944 und der Befreiung Brüssels. Der daran anschließende Band, dessen etappenweise Veröffentlichung im „Spirou“-Magazin noch unter der Bezeichnung „Spirou et le fétiche des Marolles“ („Spirou und der Fetisch der Marollen“) vonstattenging, bekam erst als Sammelband den Namen „Die Leopardenfrau“ („La Femme Léopard“ 2014). 
Die Geschichte von „Die Leopardenfrau“ setzt mit den Worten „1946, der Nazi-Schraubstock ist nur noch eine ferne Erinnerung … Es ist der bleierne Mantel einer erbarmungslosen Gluthitze, der Brüssel gegenwärtig erdrückt…“ ein. Dieser Spirou-Band versucht eine Geschichte – die mit den fantastischen und abenteuerlichen Elementen eines André Franquins versehen ist – zu erzählen, in der die Traumatisierung der Brüsseler Bewohner durch die Besatzungszeit und gleichzeitig der damals vorherrschende Kolonialdiskurs verhandelt werden. Schauplatz hierfür ist das wieder im erstehenden und nun auch von amerikanischen Soldaten und Geschäftsleuten bevölkerte Brüssel. Bereits in „Operation Fledermaus“ verschoben Yann und Schwartz die bisherige (Bild-)Sprache der „Spirou“-Comicserie und brachten viel expliziter als zuvor Liebe und Sexualität, aber auch menschliche Grausamkeit und den Tod in ihrer Geschichte unter. Diese Ausrichtung auf das Reale und die damit verbundene Ernsthaftigkeit findet sich gleichfalls in „Die Leopardenfrau“ wieder, unter anderem in einem Gespräch zwischen dem Chefportier Entresol und dem Pagen Spirou im Hotel Moustic (Entresol: „Darf ich dich daran erinnern, dass der Page Spirou letztes Jahr voller Stolz gekündigt hat… und dann jämmerlich zurückgekommen ist, um um Wiedereinstellung zu bitten.“  Spirou: „Niemand will einen alten Hotelpagen, der die Kommandantur beherbergt hat… und wie es scheint bin ich zu jung, um einen Erwachsenenberuf auszuüben…“) und der Aussage Fantasios über seinen Freund (Fantasio: „Leer…? Und die da auch…?! Echt übel! Dieser Schluckspecht von Page hat mir nicht einen Tropfen gelassen! Seufz! Der arme Spirou hat sich nie von dem Verschwinden der jungen Audrey in den finsteren Todeslagern der Nazis erholt!“). 
Auch in der Figur des Colonel Van Praag, der seiner eignen Aussage nach „die Nazis an der Spitze [s]einer tapferen Soldaten mitten im kongolesischen Dschungel bekämpft“ hat und während seines Aufenthalts im Brüssel des Jahres 1946 auf die Katzen auf den Hausdächern der Stadt schießt, ist diese Ernsthaftigkeit, aber vor allem jedoch das Spannungsgefüge dieses Szenarios inhärent. 
© Carlsen Verlag
In seinen Wesenszügen ähnelt Colonel Van Praag sehr dem von Yves Chaland und Yann im „Spirou“-Ableger „Stählerne Herzen“ (1990 bei XfürU) geschaffenen Georg Leopold und somit einem rückwärtsgewandten Geist, der sich zurück in alte Zeiten wünscht, in denen die Kolonialisten noch als Helden gesehen wurden. 
Darüber hinaus gibt es beispielsweise was die „Gorillaroboter“ betrifft, die auf dem Deckblatt dieses „Spirou“-Bandes zu sehen sind, ebenfalls Parallelen zum Werk  „Stählerne Herzen“ wie im Anhang von „Die Leopardenfrau“ nachzulesen ist. Die titelgebende Leopardenfrau soll, so heißt es ebenda, über eine ähnliche Figurenkonzeption Yanns in „Stählerne Herzen“ im Ursprung auf Hergés „Tim im Kongo“ („Tintin au Congo“ 1930 eine schwarzweiß Fassung und 1946 eine teilweise zensierte, farbige Neufassung) zurückgehen. Allerdings ist es wohl nicht besonders geschickt, geschweige denn ratsam, in einem Comic, der die Kolonialgeschichte behandeln will, Elemente aus Hergés „Tim im Kongo“ zu übernehmen, schließlich wurde dieser nicht zu Unrecht und gerade unter den Vorzeichen eines sich inzwischen glücklicherweise gewandelten Diskurses des Öfteren für seine rassistischen Darstellungen gerügt. Das Titelbild, welches die Leopardenfrau als Jungfrau in Nöten (demoiselle en détresse, damsel in distress) und Spirou als den wackeren Retter zeigt, verkennt den Inhalt des von Yann, Schwartz und Croix geschaffenen „Spirou“-Band doch durchaus und ist vermutlich einer imaginierten Verkaufsförderung durch eine derart drastische Aufmachung geschuldet; allerdings ist dies bereits bei der französischen Vorlage der Fall.  
© Carlsen Verlag
Am Ende dieser in sich geschlossenen Geschichte und der dort zu lesenden Texteile: „Lest die Fortsetzung dieses spannenden Abenteuers in ,Der Meister der schwarzen Hostien‘.“ hat man jedoch das Gefühl, dass die eigentliche Erzählung erst jetzt beginnt. Was also schlussendlich bleibt ist eine auf mehreren Ebenen vielfältige Geschichte und das Ausharren auf die nachfolgende Publikation.  


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Rassistische Darstellungen in Comics unter anderem bei Hergé hat der südafrikanische Texter und Zeichner Anton Kannemeyer aufgegriffen und sie in seinen Zeichnungen solcherart überzeichnet, dass die impliziten Aussagen der Bilder entlarvt wurden. Seit September dieses Jahres ist nun auch erstmals ein ins Deutsche übersetzter Comic Kannemeyers unter dem Titel „Papa in Afrika“ erhältlich. Einen genaueren Eindruck gewährt die dreizehnseitige Leseprobe des avant-verlages. Link: http://issuu.com/avant-verlag/docs/papa_in_afrika_leseprobe/1?e=5259815/8928363.

Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder entstammen dem vom Carlsen Verlag der Presse zur Verfügung gestellten Material. 

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