Dienstag, 27. Januar 2015

comicbook: Was tun mit der Allmacht?

comicbook: 
Was tun mit der Allmacht? 
Überlegungen zur Entwicklung der Comichelden
Mit der Schöpfung Supermans, dem ersten "klassischen" amerikanischen Superhelden, wurde aus den vormaligen Helden und Heldinnen Wesen mit übernatürlichen Fähig- und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. 
Während der Held oder die Heldin zuvor noch eine Person gewesen war, die unter dem Einsatz ihres Lebens große Taten zu vollbringen versuchte und hierbei mitunter über eine besondere Begabung - wie Durchhaltevermögen, Intelligenz oder Kraft - verfügte, wandelte sich dieses Bild beim nun entstandenen Superhelden. Diese neuen Helden, die die vorher geltenden Maximen sprengten und das Menschenmögliche übertrafen, stehen mit ihren sagenhaften Fähigkeiten gewissermaßen in der Tradition der mythologischen Heldengestalten. 
Julius Schnorr von Carolsfeld: "Der Kampf an der Stiege [2]" (1834/35).
Der einstige Held, der außerhalb der fantastischen Vorstellungen über Jahrhunderte hinweg überwiegend der Kriegsheld gewesen war, wurde, auch unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges, nicht mehr als dergestalt heroisch wie dereinst wahrgenommen; stattdessen wurde die Grausam- und Sinnlosigkeit der Schlachten in Europa und selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Bevölkerung weiter vom Kriegsgeschehen entfernt war, als die Einwohner der europäischen Länder, offensichtlicher und somit wurden auch die Vertreter des kriegerischen Handelns entglorifiziert.  
Félix Vallotton: "Das ist der Krieg: Schützengraben" (1915).
Dieser neue, aus gezeichneten Geschichten entstandene Typus von Kämpfern für das Recht - ob für das Richtige, bleibt zu fragen - zeichneten sich unter dem Vorzeichen Supermans nicht nur durch ihre übernatürlichen Kräfte aus, sondern vielmehr durch ihre fantastische Unbesiegbarkeit aus, die diese Helden als unfehlbar zeichnete.
Am drastischsten wird dieser Umstand wohl am Comic "Captain Marvel" deutlich. Der Protagonist dieser Geschichte ist der Waisenjunge Billy Batson, den der Zauberspruch "Shazam" zu einem ausgewachsenen Mann werden lässt, der über Weisheit, Stärke, Ausdauer, Macht, Mut und Geschwindigkeit verfügt. Das Kunstwort "Shazam", welches ein Zauberer Billy Batson beibringt und ihm diese Kräfte verleiht, vereint die mythologischen Sagengestalten Salomon, Herkules, Atlas, Zeus, Achilles und Merkur, wie deren Fähigkeiten.
Dass das Konzept des Superheld heutzutage überaus beliebt und weitverbreitete ist, ist durch seine Präsenz allenthalben erkennbar. Der deutsch-französische Fernsehsender arte, der sich selbst als Kultursender versteht, strahle mit "H-MAN" eine zehn Folgen umfassende Serie aus, in denen sich ein Superheld (Arthur H) Problemen des Alltags stellen muss. Gegen diese Alltagsprobleme, die stets anthropomorph personifiziert sind, versuchen sich H-MAN und seine Superheldenmitstreiter innerhalb der jweils fünfminütigen Folge zu behaupten. Probleme, mit denen es Arthur H in der Gestalt seines Superhelden Alter Egos tun bekommt, sind unter anderem die Finanzkrise, das Öl und die Abhängigkeit von ihm, sowie die deutsch-französische Energiepolitik.  
Allerdings birgt diese Konzeption eines Superhelden, eines Helden mit unbesiegbaren Kräften, den Nachteil, dass Auseinandersetzungen, an denen dieser Superheld beteiligt ist, sehr berechenbar werden und hierdurch die Spannung der gezeichneten Geschichte leidet, sodass alles, was der Leserschaft übrig bleibt, die Beurteilung der jeweiligen Heldentat und deren Vergleich mit vorherigen Taten ist. Da dies zu keiner interessanten oder abwechslungsreichen Narratologie führt, war Batman, der Superman als Superheld direkt nachfolgte, auch sein genaues Gegenstück. Batman, der keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt, gelingt es stattdessen mittels seines Spürsinns, viel körperlichem Einsatz und teuren technischen Apparaturen erfolgreich seinen Kampf gegen das Verbrechen zu führen. Was wiederum den "einfachen" Menschen in den Mittelpunkt der Comichefte rückte, mit seinen doch durchaus begrenzten Möglichkeiten und Schwächen.
Ein Comic, an dem dies - zumindest an der Hauptfigur - gut ersichtlich ist, ist "Kick-Ass". Der Protagonist dieser Geschichte Mark Millars (1969-) und John Romita juniors (1956-) ist ein gewöhnlicher, weißer, in den U.S.A. lebender Jugendlicher namens Dave Lizewski. Dave, der ein leidenschaftlicher Comicleser ist, beschließt selbst ein Streiter für die Gerechtigkeit zu werden, kauft sich einen grünen Taucheranzug, der ihm als Kostüm dienen soll, und beginnt völlig unbedarft mit seinem Einsatz für seine Überzeugungen. Kick-Ass beginnt mit den Worten: "Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen. Ist der Alltag wirklich so aufregend? [...] Kommt, seid ehrlich. Irgendwann im Leben wollten wir alle mal Superhelden sein." Diese Aussage wird allerdings mit Bildern unterlegt, die die Torheit dieses Vorhabens und den anschließenden Verlauf dieses Comics mehr als nur erahnen lassen. 
Bereits bei seiner ersten Auseinandersetzung muss Dave jedoch erkennen, dass es weit mehr als nur der richtigen Einstellung und eines Anzuges bedarf, um ein Superheld zu sein; doch er gibt nicht auf. 


Wenn man die Superhelden nicht zu einfachen Menschen werden ließ, brachte man ihnen aber zumindest Verletzungen und Schwächen bei; beispielsweise war Superman mittels des im Jahre 1945 erdachten Kryptonits plötzlich nicht mehr unverwundbar. Doch ging das Normalisieren der Helden und das angleichen in die gesellschaftlichen Strukturen noch viel weiter, so sind beispielsweise auch die eigentlichen Identitäten der jeweiligen Superpresonen, ob Bruce Wayne (Batman), Clark Kent (Superman), Peter Parker (Spiderman) oder Sandra Knight (Phantom Lady) um den Schutz ihrer Person besorgt, sodass sie sich als nicht im Heldenoutfit befindliche Person nicht gegen die Normen und Erwartungen der Gesellschaft stellen wollen und demnach als "Zivilperson" ihre besonderen Befähigungen nicht gebrauchen. Erst das Kostüm verleiht die Narrenfreiheit ein Held respektive ein Superheld zu sein. Ebendieser Sachverhalt wird allein an einer Seite aus der Comicserie "Phantom Lady", deren Handlung sich um eine der ersten weiblichen Superhelden der amerikanischen Comics entspinnt, greifbarer. Phantom Lady kann trotz aller Gefahr und Demütigung, die ihr in dieser Geschichte in der Gestalt von Sandra Knight wiederfährt, erst dann eingreifen und sich und ihren Begleiter aus dieser Situation und vor einem stereotypischen asiatischen Bösewicht retten, als sie sich in Ruhe und ungesehen mit ihrem Heldengewand anonymisieren kann. 
Inwieweit diese Verkleidungen innerhalb dieser gezeichneten Geschichten tatsächlich die eigentliche, nicht heldenhafte Seite dieser Personen unkenntlich machen, soll hier nicht thematisiert werden, schließlich soll der Leser ja stets und zu jeder Zeit seinen Superhelden in beiden Identitäten erkennen können und hierbei bloß nicht irritiert werden. 

Jedoch war bereits Batman als menschlicher Held ohne Superkräfte seinen Gegnern, derart überlegen, dass ihm schon ein Jahr nach seinem erstmaligen erscheinen, 1940, ein Superbösewicht, der Joker, als Pendant gegenüber gestellt wurde. Auf diese Weise wurde die Konzeption dieses Comics solcherart verändert, dass vorher vorherrschende Handlungsmuster aufgebrochen und damit eine neue und weniger vorhersehbare Erzählweise innerhalb der Geschichte und den schwarzen Ritter etabliert werden konnte. 
Um einen wirklichen Wettkampf zwischen "Gut" und "Böse" zu zeigen, der seine Spannung dadurch erhält, dass nicht unbedingt von Beginn an absehbar ist, wer der schließlich Triumphierende ist, wurde in diesem Fall das Gegenüber verstärkt und somit dem Helden angeglichen. Jeder Comicleser weiß natürlich, dass es im Falle Batmans und Supermans keine endgültigen Entscheidungen gibt, aber es gibt Comichefte, in denen tatsächlich triumphierende Parteien vorkommen und die Geschichte endet. 

Eine ausgeglichenere Ausgangssituation war es, die hierauf von den Zeichnern und vor allem von den Textern dieser bebilderten Abenteuer mehr und mehr in den Vordergrund gerückt worden war, was neben dem bereits in diesem Beitrag beschriebenen Veränderungen innerhalb der jeweiligen Comicgeschichten, gleichfalls Superhelden einander gegenüberstellte, was etwa in der Geschichte des Marvel-Verlages "CIVIL WAR" der Fall war. 
© PANINI COMICS

Zudem wurde auch vor der geistigen und physischen Verfasstheit der Superhelden nicht halt gemacht. Die Folge waren äußerst divergente und in dieser Form zuvor noch nicht gekannte Figuren, so handelten die sodann entstanden Geschichten, etwa von einem Nuklearphysiker, der sich bei der geringsten Verstimmung in ein tobendes Monstrum verwandelt (Der unglaubliche Hulk), von einem vergeltungssüchtigen Massenmörder ohne Schuldgefühle (The Punisher), von einem kompromisslosen im Untergrund Kämpfenden, der lediglich das Gräuel der Welt sieht und sonst nichts mehr wahrnehmen kann (Rorschach/Watchmen) oder von einem Nick Knickerbocker. 

© New Worlds Comics

Als vermeintlich einziger Schutz der Erde werden von außerirdischen Mächten dem Menschen Nick Knickerbocker Superkräfte verliehen, problematisch daran ist jedoch, dass Nick ein riesiger Tollpatsch und darüber hinaus auch noch einfältig ist. In "Goof" wird deswegen nicht von Heldentaten erzählt, sondern von Nick Knickerbockers Leben und davon, wie es ihm trotz Superkräften gelingt sich beständig falsch zu verhalten, ob bei der Rettung einer Katze, seiner Familie gegenüber oder in Liebesdingen. "Goof" ist eine Persiflage des klassischen Comichefthelden und stammt von Guy Hasson, Borja Pindado und Guillermo Ramierz. 
Nick Knickerbocker ist ein negativer Gegenentwurf der Figur des "klassischen" Superhelden und bedient somit eine Strömung, die sich über die Allmachtsfantasieen früherer Comichefte lustig macht. 
Erschienen ist dieser Comic im New Worlds Comics-Verlag, bei welchem ebenfalls der Comic "Wynter" herausgegeben worden, der gleichfalls von Guy Hasson und von Aron Elekes geschaffen wurde. Beim Comic "Wynter" hat der Verlag "New Worlds Comics" ein interessantes Konzept erstellt, bei dem man den Comic gratis online lesen und selbst bestimmen kann, ob und wenn ja mit welchen Summen man die Künstler unterstützen will.

Allerdings kann die Geschichte eines Superheldens nur ein bestimmtes Ende nehmen. Die Heldenperson triumphiert schließlich über das Böse und rettet somit sich selbst, eine andere Person, die Welt, das Universum oder was auch immer. Zwar gibt es Zeiten, in denen auch das Böse das Gute - wenn denn eine solche schwarz und weiß Charakterisierung gegeben ist - besiegt, allerdings sind diese Erfolge nur von kurzer Dauer, denn am Schluss kann niemand anderes als der Held oder die Heldin siegreich sein. Als ein Exempel für diese kurzeitige glückliche Fügung für den Schurken, ehe dieser neuerlich scheitert beziehungsweise endgültig, ist der Tod Supermans zu nennen, der jedoch wiederkehren wird, oder der Verlauf des bereits erwähnten Comics "Kick-Ass", in dem es dem Protagonisten mitunter mehr als nur schlecht ergeht. 
Zwar sterben in vielen dieser Geschichten auch Figuren der als gut konzipierten Seite, doch gelingt es den als das Übel dargestellten Figuren nie ihre Vorhaben dergestalt zu verwirklichen, dass beispielsweise die Erde endgültig zerstört wird, dass das Universum implodiert oder sie einfach mit ihren Plänen den gewünschten Erfolg erzielen. Vorkommnise, die logischerweise das Ende dieser Geschichten zur Folge hätten.
In Neil Gaimans (1960-) und Andy Kuberts (1962-) "Marvel 1602" wird dies auf den letzten Seiten mit am greifbarsten, denn das scheinbar unverrückbare Schicksal, auf welches hin der Ausgang dieses Comics geschrieben und gezeichnet ist, wird dort unter der Aufbietung aller nur erdenklichen Möglichkeiten dennoch zu einem versöhnlichen Abschluss, ohne dass etwaige Opfer nötig wären, gebracht.
Um noch einmal auf die bei arte gezeigte Serie "H-MAN" zu verweisen, auch wenn es sich bei ihr nicht um einen Zeichentrickfilm oder gar einen Comic handelt, weil bei ihr wird das Schicksal des zu Sieg verdammten Superhelden verändert wird und es hierdurch nicht mehr diesen letzten rettenden Triumph des Rechts über das Unrecht gibt. Sicherlich dadurch bedingt, dass sich die tatsächlichen Probleme, die hier als die Grundlagen für die jeweilige fiktionale Auseinandersetzungen der Einzelfolgen der Serie dienen, nicht mit einem Fingerzeig lösen lassen, enden diese entsprechenden Folgen immer bevor eine endgültige Entscheidung gefallen ist. "H-Man" ist sowohl über den französischen als auch über den deutschen Yutubekanal von arte zu sehen.
Herbert James Draper: James Mourning for Icarus (1898).

"Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen." Tatsächlich nehmen, vor allem in den U.S.A., aber auch andernorts, die Zahlen derer, die sich im wirklichen Leben - abseits der Hefte und irgendwelcher Fantreffen - in Superheldenkostüme hüllen, zu. Diese Menschen träumen allerdings keinesfalls von übernatürlichen Kräften oder von glorreichen Heldentaten, sondern sie streiten für eine gerechtere und sozialere Welt.
 

Der nächste reguläre Blogeintrag erscheint am 10. Februar. 

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Die in diesem Beitrag verwendeten gemeinfrei Bilder entstammen: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, flickr-Profil der "British Library" oder der Seite FuryComics.
Bei den weiteren Abbildungen wurde das Copyright kenntlich gemacht. Sie stammen vom New Worlds Comics- und Panini-Verlag.

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Mit einer ähnlichen Thematik befassen sich unter anderem die Einträge: 
http://pictimundi.blogspot.de/2014/12/comicbook-der-geburtstag-des-dunklen.html
oder
http://pictimundi.blogspot.de/2014/11/anime-die-funktion-fiktionaler-gewalt.html

Kommentare:

  1. Der Verlag "News Worlds Comics" und Guy Hasson sahen sich gezwungen die Comicserie "Goof" zu beenden, den Comic zu "töten". Hier die englische Erklärung Guy Hassons in seinem Podcast mit dem Titel "Why I Had to Kill a Good Comic Book!": http://newworldscomics.com/?p=1571.

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  2. Aktualisierung: Was den Comic "Wynter" angeht, hat sich einiges verändert, man kann ihn jetzt nicht mehr komplett gratis lesen, jedoch über den Indiepublisher "New Worlds Comics" das erste Heft via Email kostenfrei erhalten. Zudem hat "New Worlds Comics" unter Guy Hasson einen Vertrag für eine Fernsehfilmadaption des Comics geschlossen. Einen einstündigen Podcastbeitrag des Verlages über die Entstehung dieses Vertragsabschlusses und weitere Einzelheiten zur Realisierung dieses Projekts kann hier http://newworldscomics.com/?p=1643 angehört werden.

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