Und all die Tage, sie sind,
wie Silbermöwen im Wind,
sie fliegen vorbei
mit lautem Geschrei.
Nur manchmal gibt es Situationen, deren
Gegebenheiten und Ereignisse es vermögen, durch den Schleier unserer Sinne tief
hinein in unser Inneres vorzudringen. Überwiegend sind dies für uns bis dorthin
unbekannte Eindrücke, die sich derart in unserem Denken festsetzen, Novitäten
und erste Male, denen es gelingt, sich durch ihre jeweilige Besonderheit von
der Unmenge an profanen Alltagseindrücken abzuheben. Die Differenz zum
Gewohnten schreibt sich als konkrete Erinnerung weit eher in unser Denken ein
als die hundertste Wiederholung von bislang Bekanntem. Dagegen setzen sich
hundertfache Wiederholungen als routinierte Gegebenheiten in einem unkonkreten,
da zeitlich miteinander vermengten Alltagseindruck fest. Solche
Alltagseindrücke scheinen größtenteils erst mit ihrem Ausbleiben oder weniger
stark mit einer Veränderung ihrer Umstände für uns als solche bemerkbar zu
werden.
Diese beiden Erinnerungen, die einmalig besondere
Gegebenheit sowie die fortwährende Alltagssituation, sie werden uns durch ein
bewusstes Zurückdenken, durch ein Wiedererleben, durch wiederentdeckte Objekte
oder erneut erlebte Sinneseindrücke präsent und dadurch als solche Momente
unserer Erinnerung erst offenbar. Sei es Prousts sprichwörtlich gewordene
Madeleine, also eine Geschmacksempfindung, oder ein lange nicht gehörtes
Musikstück, ein altvertrauter Geruch, der Anblick einer früher häufig passierten
Straße, sie alle lösen in uns, über unsere Synapsen hinweg, eine
Erinnerungskaskade aus, die uns an diese vormalige Zeit, dieses damals, dieses
einst Gewesene zurückdenken lässt. Gedachte Vergangenheit manifestiert sich im
Gegenwärtigen, verbindet das Damals mit dem Heute und prägt hierdurch
gleichfalls den momentanen Augenblick. Was heißt, dass die Gefühle von einst
auf die gegenwärtigen Emotionen treffen. Man ist dadurch nicht mehr nur allein
im Hier und Jetzt. Doch solche bewussten Momente des Erinnerns, des
Wiedererlebens und Nachempfindens, sie sind selten im fortwährenden
Alltagserfahren.
Womöglich haben sich deshalb Brauchtümer wie Abschlussfeste, Feier- und Jahrestage sowie Geburtstage und Jubiläen etabliert. Bilden sie nicht gemeinsam den Versuch ab durch eine ritualisierte Praktik eine erhöhte Aufmerksamkeit auf den akuten Augenblick einer bestimmten Situation zu schaffen? Doch gelingt dieser Akt der Bewusstmachung … ich würde sagen, vielleicht teils. Man mag Faust mit Madoka vergleichen, unzählige Brummlis rezitieren oder Symbole als hohl erklären, die Einmaligkeit des jeweiligen Moments verfliegt – den anfangs erdichteten Möwen gleich – mit der immer weiter verstreichenden Zeit und alles was bleibt, ist die Erinnerung, wenn sie denn überhaupt besteht.
Um vom Hier und Jetzt zum eigentlichen
unausgereiften Gedankenpunkt dieses Blogeintrags zu gelangen, dafür muss ich euch auf
eine kurze Reise mitnehmen, auf eine kurze Reise in die Sphären meiner
Erinnerung. Vorab sei gesagt, dass ich bislang nur die erste Staffel von
Frieren gesehen habe und doch hat mich dieser Anime dieses Skript hier
schreiben lassen und wenn ihr mir bis zum Ende meiner Überlegungen folgt, wird
deutlich werden, dass gerade das bisherige Noch-Nicht-Sehen der zweiten Staffel
passender für diesen Punkt wohl kaum sein könnte.
Zusammen mit der sehr langlebigen Elfen Magierin
Frieren erleben wir dieses Rückbesinnen auf vorher schon Erfahrenes, dieses
Wiederfinden von vormaligen Eindrücken. Erneut tritt Frieren Jahrzehnte später,
in anderer Gemeinschaft und mit einem anderen Ziel, diese große Reise an. Sie
begegnet bei ihrer erneuten Reise teils Landschaften, Siedlungen und Personen,
die sie von früher kennt, sieht in und an ihnen jedoch den Wandel der Zeit, und
begegnet – nichts ist unnachgiebiger als die Zeit – notgedrungen neuen Orten
und Geschöpfen. Für uns, das Publikum dieses Werks, ist ihr neues Erleben immer
auch parallelisiert mit ihrem vormaligen. Wir sehen den Kontrast und mit ihm
den Wert, den Frieren ihren Erinnerungen beimisst. Ausgelöst wird ihr Erinnern
dabei mehrheitlich durch verschiedene visuelle Eindrücke, Geschmack und Geruch.
Wie akkurat ihre Wiedergabe des vorab Erlebten ist, ist für uns und für sie
selbst nicht bestimmbar und innerhalb des Werks auch einerlei. Gedanken an
einst, sie sind niemals dieses einst, sie sind nur Gedanken an diese
vergangenen Augenblicke. Der Moment vergeht, aber sein Momentum besteht. Es
besteht in unserem Denken, in unserem Erinnern und dient damit als eine der
Grundlagen für die Geschichten, die wir uns über andere und über uns selbst
erzählen. Geschichten, die das formen, was wir allzu oft als Vergangenheit
bezeichnen, aber zeitgleich weit mehr mit welchen Bedeutungen und
Sinnzuschreibungen wir vergangene Zeiten versehen. Dieses Erinnern sorgt
folglich dafür, wie wir Vergangenheit und damit auch wie wir die Gegenwart
verstehen. Und es sind nicht nur die großen Eindrücke, die verfangen und
nachwirken, wenngleich diese in unserem Denken wohl deutlich präsenter sind.
Doch jeder Moment hat sein Momentum, ob wir ihn als wichtig erachten oder ihn
fast schon vergessen haben, oder anders gesagt: Jeder Eindruck wirkt nach. Was
sich an Frierens Konfrontation mit dem Jetzt zeigt, sei es am Verlauf eines
Wegs, dem Geschmack von Steaks oder einer zuvor nicht dagewesenen Statue, ist
der Umstand das unsere Erinnerung immer nur ein eingefrorenes Erleben
sein kann. Der einst wahrgenommene Status quo – unser letzter Eindruck – wird
für gewöhnlich als weiterhin bestehend erachtet und erst die Gegenüberstellung
von Vergangenem und Aktuellem, wo sie in dinglichen Dingen überhaupt möglich
ist, vermag es einen neuen Status quo, einen neuen Istzustand, in unseren
Köpfen zu verankern. Doch bildet auch diese neue Momentaufnahme nur unseren
subjektiven Eindruck wieder. Einen Eindruck, der allzu rasch zu einer
verblassenden Erinnerung wird und daher weniger und weniger mit den tatsächlich
existierenden Orten und Personen übereinstimmt.
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