Donnerstag, 5. März 2026

Das Momentum des Moments (unausgereifte Geburtstagsgedanken)

Und all die Tage, sie sind,

wie Silbermöwen im Wind,

sie fliegen vorbei

mit lautem Geschrei. 

Im fliehenden Wirrwarr der Zeit, die wir als unser Leben begreifen und in der sich beständig Geschehnisse aneinanderdrängen, ist der einzelne Augenblick, der einzelne Moment, meist derart flüchtig, dass wir ihn gar nicht zu erfassen verstehen. Die unaufhaltsam voranschreitende Zeit schafft unablässig neue Eindrücke, die allzu häufig die vorherigen verdrängen.

Nur manchmal gibt es Situationen, deren Gegebenheiten und Ereignisse es vermögen, durch den Schleier unserer Sinne tief hinein in unser Inneres vorzudringen. Überwiegend sind dies für uns bis dorthin unbekannte Eindrücke, die sich derart in unserem Denken festsetzen, Novitäten und erste Male, denen es gelingt, sich durch ihre jeweilige Besonderheit von der Unmenge an profanen Alltagseindrücken abzuheben. Die Differenz zum Gewohnten schreibt sich als konkrete Erinnerung weit eher in unser Denken ein als die hundertste Wiederholung von bislang Bekanntem. Dagegen setzen sich hundertfache Wiederholungen als routinierte Gegebenheiten in einem unkonkreten, da zeitlich miteinander vermengten Alltagseindruck fest. Solche Alltagseindrücke scheinen größtenteils erst mit ihrem Ausbleiben oder weniger stark mit einer Veränderung ihrer Umstände für uns als solche bemerkbar zu werden.

Diese beiden Erinnerungen, die einmalig besondere Gegebenheit sowie die fortwährende Alltagssituation, sie werden uns durch ein bewusstes Zurückdenken, durch ein Wiedererleben, durch wiederentdeckte Objekte oder erneut erlebte Sinneseindrücke präsent und dadurch als solche Momente unserer Erinnerung erst offenbar. Sei es Prousts sprichwörtlich gewordene Madeleine, also eine Geschmacksempfindung, oder ein lange nicht gehörtes Musikstück, ein altvertrauter Geruch, der Anblick einer früher häufig passierten Straße, sie alle lösen in uns, über unsere Synapsen hinweg, eine Erinnerungskaskade aus, die uns an diese vormalige Zeit, dieses damals, dieses einst Gewesene zurückdenken lässt. Gedachte Vergangenheit manifestiert sich im Gegenwärtigen, verbindet das Damals mit dem Heute und prägt hierdurch gleichfalls den momentanen Augenblick. Was heißt, dass die Gefühle von einst auf die gegenwärtigen Emotionen treffen. Man ist dadurch nicht mehr nur allein im Hier und Jetzt. Doch solche bewussten Momente des Erinnerns, des Wiedererlebens und Nachempfindens, sie sind selten im fortwährenden Alltagserfahren.


Womöglich haben sich deshalb Brauchtümer wie Abschlussfeste, Feier- und Jahrestage sowie Geburtstage und Jubiläen etabliert. Bilden sie nicht gemeinsam den Versuch ab durch eine ritualisierte Praktik eine erhöhte Aufmerksamkeit auf den akuten Augenblick einer bestimmten Situation zu schaffen? Doch gelingt dieser Akt der Bewusstmachung … ich würde sagen, vielleicht teils. Man mag Faust mit Madoka vergleichen, unzählige Brummlis rezitieren oder Symbole als hohl erklären, die Einmaligkeit des jeweiligen Moments verfliegt – den anfangs erdichteten Möwen gleich – mit der immer weiter verstreichenden Zeit und alles was bleibt, ist die Erinnerung, wenn sie denn überhaupt besteht.

Um vom Hier und Jetzt zum eigentlichen unausgereiften Gedankenpunkt dieses Blogeintrags zu gelangen, dafür muss ich euch auf eine kurze Reise mitnehmen, auf eine kurze Reise in die Sphären meiner Erinnerung. Vorab sei gesagt, dass ich bislang nur die erste Staffel von Frieren gesehen habe und doch hat mich dieser Anime dieses Skript hier schreiben lassen und wenn ihr mir bis zum Ende meiner Überlegungen folgt, wird deutlich werden, dass gerade das bisherige Noch-Nicht-Sehen der zweiten Staffel passender für diesen Punkt wohl kaum sein könnte.

Zusammen mit der sehr langlebigen Elfen Magierin Frieren erleben wir dieses Rückbesinnen auf vorher schon Erfahrenes, dieses Wiederfinden von vormaligen Eindrücken. Erneut tritt Frieren Jahrzehnte später, in anderer Gemeinschaft und mit einem anderen Ziel, diese große Reise an. Sie begegnet bei ihrer erneuten Reise teils Landschaften, Siedlungen und Personen, die sie von früher kennt, sieht in und an ihnen jedoch den Wandel der Zeit, und begegnet – nichts ist unnachgiebiger als die Zeit – notgedrungen neuen Orten und Geschöpfen. Für uns, das Publikum dieses Werks, ist ihr neues Erleben immer auch parallelisiert mit ihrem vormaligen. Wir sehen den Kontrast und mit ihm den Wert, den Frieren ihren Erinnerungen beimisst. Ausgelöst wird ihr Erinnern dabei mehrheitlich durch verschiedene visuelle Eindrücke, Geschmack und Geruch. Wie akkurat ihre Wiedergabe des vorab Erlebten ist, ist für uns und für sie selbst nicht bestimmbar und innerhalb des Werks auch einerlei. Gedanken an einst, sie sind niemals dieses einst, sie sind nur Gedanken an diese vergangenen Augenblicke. Der Moment vergeht, aber sein Momentum besteht. Es besteht in unserem Denken, in unserem Erinnern und dient damit als eine der Grundlagen für die Geschichten, die wir uns über andere und über uns selbst erzählen. Geschichten, die das formen, was wir allzu oft als Vergangenheit bezeichnen, aber zeitgleich weit mehr mit welchen Bedeutungen und Sinnzuschreibungen wir vergangene Zeiten versehen. Dieses Erinnern sorgt folglich dafür, wie wir Vergangenheit und damit auch wie wir die Gegenwart verstehen. Und es sind nicht nur die großen Eindrücke, die verfangen und nachwirken, wenngleich diese in unserem Denken wohl deutlich präsenter sind. Doch jeder Moment hat sein Momentum, ob wir ihn als wichtig erachten oder ihn fast schon vergessen haben, oder anders gesagt: Jeder Eindruck wirkt nach. Was sich an Frierens Konfrontation mit dem Jetzt zeigt, sei es am Verlauf eines Wegs, dem Geschmack von Steaks oder einer zuvor nicht dagewesenen Statue, ist der Umstand das unsere Erinnerung immer nur ein eingefrorenes Erleben sein kann. Der einst wahrgenommene Status quo – unser letzter Eindruck – wird für gewöhnlich als weiterhin bestehend erachtet und erst die Gegenüberstellung von Vergangenem und Aktuellem, wo sie in dinglichen Dingen überhaupt möglich ist, vermag es einen neuen Status quo, einen neuen Istzustand, in unseren Köpfen zu verankern. Doch bildet auch diese neue Momentaufnahme nur unseren subjektiven Eindruck wieder. Einen Eindruck, der allzu rasch zu einer verblassenden Erinnerung wird und daher weniger und weniger mit den tatsächlich existierenden Orten und Personen übereinstimmt.


Und so ist für mich in diesem Moment die erste Staffel von Frieren ein solches eingefrorenes Erleben. Ein eingefrorenes Erleben, das ich wohl dann verändern kann, wenn ich entweder die erste Staffel erneut oder weit wahrscheinlicher die zweite Staffel erstmals sehen werde. Das Kunstwerke ihrerseits eine fixierte, unveränderlich festgefrorene Momentaufnahme darstellen, erwähne ich hier jetzt besser nicht, dass kann ich ja dann irgendwann in den nächsten zehn Jahren tun.