Dienstag, 9. Juni 2015

Die Bedeutung Dürers und sein „Marienleben“

In diesem Gastbeitrag soll es um Albrecht Dürers (1471-1528) Einfluss auf den Buchdruck und die Mal- und Zeichenweise, wie die Komposition von Gedrucktem in der Frühen Neuzeit gehen, was am Beispiel von Dürers „Marienleben“ konkretisiert werden wird. Einen Einfluss der zu Veränderungen geführt hat, die maßgeblich für die Entwicklung des heutigen Kunst- und Buchmarkts gewesen sind.

picti mundi


Albrecht Dürer gestaltete die Holzschnitte zu seinem „Marienleben“ aus etwa 20 gleichformatigen Holztafeln in den Maßen 29,5 cm auf 31,1 cm. Sie sind von einem Titel- und einem Schlussblatt gerahmt.[1] Insgesamt 18 der 20 Holzschnitte erzählen die von Dürer ausgewählten Stationen aus dem Leben Marias. Neben diesen rein erzählerischen und kompositorischen Elementen der Buchgestaltung lassen sich weitere formale Bestandteile wie Nachdruckverbot sowie illustriertes Titelblatt feststellen.[2]
Albrecht Dürer: Marienleben. Maria auf der Mondsichel.
Albrecht Dürer: Marienleben. Impressum und Nachdruckverbot.

Auf diesem ist die Mondsichelmadonna dargestellt sowie in zentrisch laufender Überschrift Werktitel und Künstler. Das Schlussblatt enthält neben Grafik auch, unterhalb dieser, das Impressum. In welcher Reihenfolge die Holzschnitte entstanden ist in der Forschung umstritten, lediglich der Zeitraum der Entstehungszeit von 1502 bis zum Jahr der Veröffentlichung 1511 ist bekannt. Diese beginnen mit den Geschehnissen von Marias Geburt, führen über Szenen ihrer Jugend und der Kindheit Jesu schließlich zur Himmelfahrt und Krönung der Gottesmutter.[3] Dürer fokussiert sich bei der Auswahl der einzelnen Szenen auf die erzählten Hauptereignisse, wie sie in den apokryphen Schriften und der „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine zu finden sind.[4] Als weitere wichtige formale Aspekte der Buchausgabe sind Schriftart, Bogen, Satz und Druck, Bindung und Illuminierung zu nennen und sollen deshalb im Folgenden kurz erwähnt werden. Der Druck selbst ist auf zehn große Bogen Büttenpapier von 43,2 cm Höhe und 61, 5 cm Breite angebracht. Diese Bögen wurden nach der vorgegebenen Reihenfolge aufeinander gelegt und in der Mitte gefaltet. Daraus ergeben sich für das Marienleben 40 Seiten, also 20 vorder- und rückseitig bedruckte Blätter. Somit stehen sich in der Buchausgabe auf der linken Seite die lateinischen Verse des Chelidonius dem auf der rechten Seite  gelegenen ganzseitigen Bild gegenüber.[5]


Albrecht Dürer: Marienleben. Die Verkündigung an Maria.
Diese Anordnung wird im gesamten Werk eingehalten und schafft derart eine gestalterisch-kompositorische Kontinuität. Anders als bei der bis dato typisch mittelalterlichen Andachts- und Erbauungsliteratur sind bei Dürer nun Text und Grafik gleichberechtig gegenübergestellt und klar voneinander getrennt. Die Gestaltung der mittelalterlichen Buchillustration weicht davon in den meisten Fällen deutlich ab, da in ihr oft kein durchdachter einheitlicher Aufbau gegeben ist, sondern Text und Bild ohne klare Raumaufteilung angeordnet sind. Auffällig sind auch die Schriftlettern mit denen Dürer seine Drucke anfertigen ließ. Diese sind wie die „Kleine -“ und „Große Passion“ in Antiqua-Lettern, eine aus der karolingischen Minuskel entwickelte Drucktype, gesetzt und wurde für humanistische Texte und besonders für den Druck klassischer Autoren verwendet. [6] Da die fertigen Seiten nach dem Druck in losen Bögen vorlagen, war eine Bindung notwendig um schlussendlich die Gesamtheit eines Buches zu erhalten. Diese Bindung war jedoch eine aufwendige Angelegenheit und orientierte sich sowohl am persönlichen Geschmack als auch an den finanziellen Mitteln des Käufers. Von Dürers Werkstatt ist bisher nicht bekannt ob in ihr das Buchbindehandwerk betrieben werden konnte.[7] Bekannt ist jedoch die Werkstatt Hieronymus Höltzels der neben einer Druckerei auch eine Binderei betrieb und Dürers „Kleine –“ und „Große Passion“ druckte. Ob das Marienleben ebenfalls in dieser Werkstatt gedruckt wurde, ist nicht gesichert.[8] Die Thematiken in Dürers Holzschnitten zum „Marienleben“ sind durch zahlreiche christliche Werke beeinflusst. Ausgangspunkt der Darstellungen sind das Matthäus- und Lukasevangelium des Neuen Testaments (Mt. 1, 16-24), (Lk. 1, 26-80). Dürer wählte diese Evangelien wohl aus dem Grunde, da in diesen die Verkündigung an Maria sowie die Geburt Jesu Erwähnung finden. Vor allem bei Lukas findet Maria besondere Beachtung und schildert dazu in allen Einzelheiten die Geburt und Kindheit des Gottessohnes. In den Evangelien des Markus und des Johannes fallen diese Erzählungen vollständig heraus und konnten daher nur schwerlich als Vorlage dienen.

Die Evangelien als früheste schriftlich zu fassende christliche Werke entstanden im 1. Jahrhundert und bilden das Grundgerüst der Erzählungen über Maria und Jesus, bieten jedoch noch nicht die ausführlichen und geschmückten Erzählungen wie in Texten späterer Zeit. Zu nennen sind an dieser Stelle die apokryphen Schriften des 2. Jahrhunderts des Protoevangeliums des Johannes, in welchem Marias Eltern Joachim und Anna erstmals erwähnt werden, sowie das Kindheitsevangelium des Pseudo-Matthäus, welches in das 10. Jahrhundert zu datieren ist und weitere Ausschmückungen des Lukas- sowie des Matthäusevangeliums enthält. In den folgenden Jahrhunderten entstand ein immer größeres Interesse am Leben Marias als unbefleckte Empfängerin. Dieser Neugier folgten zahlreiche weitere Erzählungen die nun auch über die Eltern Marias, ihre Kindheit sowie ihre Freuden und Leiden berichteten. Zu diesen Werken zählt besonders das im 13. Jahrhundert entstandene Sammelwerk, die „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine, in welchem vor allem die Lebensgeschichten Heiliger und Heiligenlegenden zusammengetragen sind. Die Beliebtheit und das Interesse an dieser christlichen Thematik spiegelt sich auch im zweibändigen Werk „Beschlossen gart des Rosenkrantz Marie“ von Ulrich Pinder wieder, welches im Jahr 1503 in Nürnberg veröffentlicht wurde. Es liefert ein Beispiel für die konkrete Vorstellung von der um 1500 allgemein verbreiteten Auffassung und vor allem der Bedeutung Marias als Mutter Jesu.[9] Die Verehrung der Maria, auch Marienkult genannt, hat also eine lange Tradition die bereits mit den frühsten christlichen Schriften beginnt und über die Jahrhunderte immer mehr an Einfluss und Bedeutung gewonnen hat, sowohl für das Christentum als Religion als auch in der Kunst. Welche schriftlichen Werke Dürer demnach als Grundlage seiner Holzschnitte verwendete, wie viele Texte ihm bekannt waren, die Maria thematisierten, und wann er begann sich diesen Inhalten der christlichen Lehre zuzuwenden ist nicht mit Bestimmtheit festzustellen, lediglich die Entstehungszeiträume seiner verschiedenen Werke. Jedoch war der Marienkult zu Dürers Zeiten in der Religion als auch Kunst fester Bestandteil, sodass er mit den Inhalten sicherlich vertraut war.

Heute gerne verwendete Übersetzungen des Neuen Testaments Martin Luthers oder auch Huldrych Zwinglis haben keinen Einfluss auf das Schaffen Dürers nehmen können, auch wenn diese aufgrund des allgemeinen Bekanntheitsgrades in der Literatur gerne zitiert werden. Beide Übersetzungen entstanden allerdings erst nach Dürers Veröffentlichung und somit der Entstehung des „Marienlebens“ nach 1520. Vor Luthers und Zwinglis Bibelübersetzungen war eine der wohl geläufigsten Varianten, die Gutenberg-Bibel, die zwischen 1452 und 1454 entstand und bereits Texte des Alten sowie Neuen Testaments beinhaltet. Darüber hinaus stand Dürer sicherlich auch die Möglichkeit zur Verfügung Übersetzungen bei gelehrten Geistlichen zu ersuchen. Auszuschließen ist, dass Dürer selbst Übersetzungen anfertigte, da er, wie aus schriftlichen Quellen zu entnehmen ist, nicht über die hierfür nötigen Lateinkenntnisse verfügte.[10] Aus diesem Grund erscheint es wahrscheinlich, dass der von ihm betraute Nürnberger Benediktergelehrten Benedictus Chelidonius, der nicht nur die lateinischen Verse zum Marienleben, sondern möglicherweise auch Übersetzungen inkunabelzeitlicher Literatur anfertigte, die Dürer zum Verständnis der religiösen Inhalte benötigte. Da Dürer und Chelidonius bereits an anderen Werken wie zum Beispiel der „Großen Passion“ zusammenarbeiteten, diente Chelidonius auch bekannter Weise mehrfach als Übersetzer Dürers.[11] Wann Dürer und Chelidonius ihre Zusammenarbeit begannen, ist jedoch nicht bekannt.[12] Dürers „Marienleben“ ist sicherlich in den Bereich der Andachtsliteratur einzuordnen, unterscheidet sich aber im Aufbau, Technik und Inhalt doch von den Stundenbüchern des Hochmittelalters. Während die mittelalterliche Buchmalerei keine klare Anordnung von Text und Grafik kennt, sodass diese in verschiedenster Weise zusammen fungieren können, weist Dürers „Marienleben“ zu Beginn der Renaissance diesbezüglich eine klare Trennung auf, die Text und Grafik gegenüberstellt.[13] Entscheidend für den Buchdruck und für Dürers schaffen dürfte die Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern gewesen sein, die ein schnelleres und effizienteres Arbeiten und Drucken ermöglichte und derart die Vervielfältigung von Büchern erleichterte. Neben dem Druck von Lettern, ist aber auch der grafische Druck eine Neuerung im Gegensatz zu den typischen Buchmalereien des Mittelalters.

Für die inhaltlichen Neuerungen dürften die humanistischen Einflüsse eine bedeutende Rolle gespielt haben, wie auch an Dürers „Marienleben“ zu erkennen ist. Ebenda spricht beispielsweise die Gottesmutter Maria in einer emotionalen Apostrophe den Leser direkt an und bietet ihre Vermittlung bei Schicksalsschlägen, Sündenablas und Todesfurcht an.[14] Es ist der klare Aufbruch der Abgrenzung zwischen dem reinen unantastbaren überhöhten himmlischen, hin zur Betrachtungsweise des Menschen als Individuum im Wirkungsfeld des Heiligen. Auch die Aufwertung Marias als Frau spiegelt sich hier wieder, die nun nicht mehr nur die Tugendreine darstellt, sondern ebenso zur gelehrten „virgo docta“ erhoben wird, in der sich die Aufwertung der Frau durch die Humanisten spiegelt.[15]

Albrecht Dürer: Marienleben. Die Verkündigung an Maria.
Dürer lokalisiert die „Verkündigung“ in einer weiten, lichtdurchfluteten Hallenarchitektur in einem zentralperspektivisch angelegten Raum, mit Fluchtpunkt und Fluchtlinien.[16]  Er beweist den Umgang mit Proportion sowie der Unterscheidung verschiedener Ebenen im Bild, die zum Beispiel durch die Anbringung von Bodenplatten oder der Konstruktion der Treppenanlage suggeriert wird. Die dadurch neuartige perspektivische Darstellungen seit Beginn des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropas und die erstmalige Auseinandersetzungen mit der Zentralperspektive sind kennzeichnend für den Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit.[17] 



Jean Limburg und Paul Limburg: Les Belles Heures du Duc de Berry. Buchmalerei. 1400/1420.
Im Gegensatz zu der in der mittelalterlichen Malerei genutzten Bedeutungsperspektive bei der die Größe der dargestellten Personen je nach Bedeutung auch  variieren konnte, stand bei Verwendung der Zentralperspektive die Räumlichkeit und Plastizität im Vordergrund.

Codex Manesse: Der König umgeben von Hofbeamten und Spielleuten. Buchmalerei. 1300-1340.

So sollte nun ein Erscheinungsbild der Realität erstellt werden, das der Wahrnehmung des menschlichen Auges am nächsten kommt. Die bereits erwähnte Verwendung der Zentralperspektive und der neuen grafischen Darstellungsweise sind exemplarisch für Dürers Holzschnitte dieser Zeit. Beeinflusst wurde er sicherlich auch durch seine Reisen nach Italien in den Jahren 1494/1495 sowie 1505-1507, in welchem die Auseinandersetzung mit der Zentralperspektive bereits einige Jahrzehnte früher erfolgte. Möglicherweise ließ sich Dürer auch durch ebendiese italische, vor allem venezianische Malerei inspirieren. In Bezug auf das „Marienleben“ beziehungsweise „Die Verkündigung an Maria“, lassen sich starke Ähnlichkeiten in der Anordnung und dem Erscheinungsbild der Figuren, als auch ihrer Attribute feststellen, sowohl in der italischen, als auch der deutschen Kunst.[18] Um 1500 ereignete sich in Europa eine, in wenigen Jahrzenten vollzogene Umbruchsphase, vom ausgehenden Mittelalter zur Neuzeit. Nach Jahrhunderten geringer Veränderungen wurde diese Epoche durch zahlreiche Erfindungen und Entdeckungen geprägt, wie beispielsweise der Erfindung des Buchdruckes oder der Entdeckung Amerikas.
Leonardo da Vinci: Verkündigung an Maria. Öl und Tempera auf Holz 1473-1475.
Es ereigneten sich kulturelle, technische und religiöse Umbrüche beziehungsweise Neuanfänge wie Humanismus, Renaissance und Reformation. Vor allem die kulturellen Leistungen zu dieser Zeit, auch im Hinblick auf Dürers Schaffen, sind besonders durch die Überlegungen des Humanismus und der Renaissance geprägt und Faktoren, die Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Architekten und Ingenieure beeinflussten.[19] Besonders hervorzuheben sind neben den Erzeugnissen des kulturellen Bereiches ebenso die des literarischen als auch die des religiösen, welche durch den Bilder- und Buchdruck mit beweglichen Lettern, erstmals Massentauglich wurden und in, für damalige Verhältnisse, großer Stückzahl produziert werden konnten (zu Beispiel Dürers „Ehrenpforte“ mit 700 Stück oder den „Theuerdank“ im Jahre 1517 mit 300 Exemplaren).[20]
Wolgemut-Werkstatt: Mariae Verkündigung. Peringsdörfer-Altar. 1486.

Auch ist Dürers ökonomisches Interesse bekannt. In seinen Tagebucheinträgen seiner „Niederländischen Reise“, sind genaue Angaben seiner jeweiligen Bildverkäufe festgehalten, dort sind etwa die Menge, der Preis und der Empfänger aufgelistet. Diese im Einzelnen aufzuführen, würde an dieser Stelle zu weit führen, doch lässt sich feststellen, dass mit insgesamt 370 veräußerten Bilderfolgen Dürer, eine für damalige Zeiten, stattliche Anzahl an Exemplaren verkaufte. Neben diesen Veräußerungen mit rein buchhändlerischem Hintergrund, war Dürer jedoch auch für selbstlosere Gesten bekannt, wie Buchschenkungen, beispielsweise die an den Nürnberger Mathematiker Bernhard Walter im Jahre 1492.[21] Ob er dies tatsächlich aus reiner Gutmütigkeit tat oder um soziales oder symbolisches Kapital, im Sinne Bourdieus, anzuhäufen oder er hierbei durch religiöse Vorstellungen geleitet war, ist sicherlich nicht genau zu rekonstruieren.  

Auch wenn nun die Möglichkeit bestand Drucke in höherer Stückzahl anzufertigen, wendete sich der Adressatenkreis doch meist eher an gebildete Nutzer zum Beispiel all jene, die die finanziellen Möglichkeiten besaßen Drucke zu erwerben.[22] Die neue Weltanschauung, geprägt durch den Humanismus, welcher den Menschen nun mehr als Individuum betrachtete, schuf neue Darstellungs- und Betrachtungswiesen, bei denen sich Künstler und Schriftsteller bedienten und in einem kleinen elitären Kreis ihre Abnehmer fanden.[23] In Bezug auf Dürers Werke, wie etwa seinem „Marienleben“, war es darüber hinaus von Nöten der Sprache der Bilder, Bildrhetorik und Ikonographie kundig zu sein, ebenso wie der Sprache der Verse und natürlich des Lateinischen.[24] Somit setzte sich dieser Käuferkreis vornehmlich aus reichen Kaufleuten, Patriziern, Fürsten, Königen und gehobenen Klerikern zusammen, die nicht nur intellektuell dazu befähigt waren die Werke zu verstehen, sondern ebenfalls die finanziellen Mittel aufbringen konnten.[25] Zu den größten und wichtigsten Zentren dieser Zeit gehörten Köln, Straßburg, Augsburg, Basel, Wittenberg und Nürnberg.[26] Dürer, der selbst in Nürnberg lebte und dort tätig war, dürfte von diesem Umstand sicherlich profitiert haben. Mit Chelidonius hatte Dürer einen Autor an seiner Seite, der die zeitgenössischen Erwartungen an moderne Vermittlung von Glaubensinhalten in Kunstwerken erfüllen konnte, sowie mit Hieronymus Höltzel einen Drucker samt Druckwerkstatt, über die es ihm gelang Buchpublikation anfertigen zu lassen, um so aus der Rolle des reinen Künstlers herauszutreten und als Verleger die neuen Vorstellungen der Humanisten zu vertreten, sie in seinen Werken umzusetzen und durch diese zu verbreiten.[27] Hilfreich zur Steigerung seines Sozialprestiges und Bekanntheitsgrades, war gewiss auch seine Freundschaft zum renommierten Schriftsteller Conrad Celtis. Celtis schrieb Lobgedichte auf seinen Freund Dürer, die diesen als besten Maler aller Zeiten preisen, allerdings zu Lebzeiten beider nie gedruckt worden waren.[28] Lobgedichte, wie dieses in der Übersetzung von Wuttke: „Dieser Dürer war in der Proportionslehre und Malerei ebenso bewandert, wie Albertus Magnus in Philosophie und Naturwissenschaften.“[29] Somit besaß Dürer nicht nur die nötigen künstlerischen Fähigkeiten, sondern auch ein hilfreiches Netzwerk aus angesehen Personen mit unterschiedlichstem beruflichen Hintergrund.

Es lässt sich feststellen, dass Albrecht Dürer mit seinen Holzschnitten zum Marienleben bedeutende christliche Themen aufgreift, diese jedoch im Vergleich zu den charakteristischen mittelalterlichen Buchillustrationen formal und inhaltlich in neuer Weise präsentiert. Sicherlich inspiriert durch die Kunst der italienischen Frührenaissance, widmet sich Dürer als einer der ersten Deutschen der neuen grafischen Zeichen- und Malkriterien wie der Zentralperspektive und Proportion, benutzt zudem wichtige formale Angaben wie Impressum und Nachdruckverbot. Die inhaltlichen Neuerungen, geprägt durch den gesellschaftlichen Umbruch um 1500 und den Einfluss humanistischer Gedanken, lassen sich in Dürers „Marienleben“ in der Darstellung Marias und sowie des Begleittextes, vor allem auf dem Holzschnitt „Maria auf der Mondsichel“, deutlich wiedererkennen. Durch die Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern, welcher um 1470 Einzug in Dürers Heimatstadt Nürnberg erhielt, wurde das Buch als Verbreitungsmedium massentauglicher. Mit dem heutigen Massenmedium ist es sicherlich nicht gleichzusetzen, da wenn man einen Holzschnitt als Druckplatte verwendet, durch den Verschleiß die Anzahl der Drucke beschränkt ist. Jedoch ist der Druck gegenüber der mittelalterlichen Buchmalerei deutlich abzugrenzen was vor allem die Vervielfältigung von Büchern betrifft und im Falle des „Marienlebens“ als Andachtsliteratur, eben auch neue Möglichkeiten bot religiöse Schriften einfacher zu verbreiten und an gebildete und finanzkräftige Kunden zu veräußern. Neben den Aspekten der Vervielfältigung war für Dürer somit auch der daraus resultierende ökonomische Nutzen ein wichtiger Faktor, was ihm ermöglichte die Stellung des reinen Künstlers zu überschreiten und selbst als Verleger tätig zu werden. Somit dürfte Dürer einen wichtigen Beitrag für die Einführung neuer Zeichen- und Malkriterien in Deutschland der frühen Neuzeit, den Buchdruck als Kunstgegenstand, als auch die Entwicklung des heutigen Buchhandels geleistet haben.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Philippe H.


[1] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 101.[2] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 100 f.[3] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 106 f.[4] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 121.[5] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 188.[6] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 184.[7] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 210 f.[8] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 211.[9] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 102 f.[10] Vgl. Eser, Thomas: Heilige und Hasen. 2008. S. 38.[11] Vgl. Wiener, Claudia: Andachtsliteratur als Künstlerbuch. 2005. S. 39.[12] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 119.[13] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 188.[14] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 132.[15] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 249.[16] Vgl. Scherbaum Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 211.[17] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 108.[18] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 111.[19] Vgl. Schmid, Wolfgang: Dürer als Unternehmer. 2003. S. 1.] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 212.[21] Vgl. Eser, Thomas: Heilige und Hasen. 2008. S. 36.[22] Vgl. Schmid, Wolfgang: Dürer als Unternehmer. 2003. S. 127.[23] Vgl. Schmid, Wolfgang: Dürer als Unternehmer. 2003. S. 2.[24] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 212.[25] Vgl. Schmid, Wolfgang: Dürer als Unternehmer. 2003. S. 4.[26] Vgl. Schmid, Wolfgang: Dürer als Unternehmer. 2003. S. 6.[27] Vgl. Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004. S. 221.[28] Vgl. Eser, Thomas: Heilige und Hasen. 2008. S. 64.[29] Eser, Thomas: Heilige und Hasen. 2008. S. 63. Übersetzt nach Wuttke 1980/1996.

Dienstag, 2. Juni 2015

"Ohne Rücksicht auf Verluste" - "Gung Ho" und dessen Wiederkehr

Für die Leserschaft begann wohl all das, was die Comicserie „Gung Ho“ betrifft, mit einer Leseprobe des ersten Bandes „Schwarze Schafe“, die am Gratiscomictag 2014 vom Verlag Cross Cult ausgegebenen worden war. So war, was eigentlich das Ende, zumindest das Ende der Arbeit am ersten Band für Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant und den Cross Cult-Verlag war, der Anfang für die deutschsprachige Comicgemeinde. 
© Cross Cult
Selbstverständlich ließe sich gegen diese Behauptung erheben, dass über den Blog von Benjamin von Eckartsberg, den von Thomas von Kummant und jenen von „Gung Ho“ selbst bereits zuvor Zeichnungen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gewesen waren oder dass „Gung Ho“ eigentlich nicht für Cross Cult produziert worden war, dies gab jedenfalls Benjamin von Eckartsberg in einem Interview mit titel-kulturmagazin.net (http://titel-kulturmagazin.net/2014/06/25/irgendwo-in-europa/) zu verstehen, aber sind diese Sachverhalte wirklich wichtig oder anders gesagt, sind sie für die Leserschaft dieser Comicserie relevant? Im Grunde nicht, vor allem deshalb, da die meisten der späteren Kauffreudigen vermutlich erst durch die Leseprobe des Gratiscomictages oder aber durch die darauf – nach der tatsächlichen Veröffentlichung des Werks – einsetzende äußerst positive Berichterstattung in unterschiedlichen Medien auf „Gung Ho“ aufmerksam wurden. Beispiele hierfür sind unter anderem Artikel in der "taz", im "Tagesspiegel", in "der Welt", bei "n-tv", im "Comic Report", in "Splashcomics", in der "Comic Review" und bei noch vielen weiteren Zeitungen und Blogs.
Das Lob, welches den beiden Künstlern für diesen Comic angedieh ist zwar nicht verstummt, jedoch leiser geworden. Nicht etwa leiser geworden, weil sie seitdem Schlechteres geschaffen hätten, sondern schlicht, weil dieses Lob inzwischen verjährt ist. Nachdem eine neuerliche Veröffentlichung mehr als nur Jahr und Tag verstreichen ließ, wird nun allerdings der Nachfolgeband „Ohne Rücksicht auf Verluste“ erscheinen und es stellt sich demnach die Frage, wie wird die Kritik an diesem zweiten Serienwerk des als „deutschen Comic-Starduo“ bezeichneten Kollektivs lauten.
Dieser Blog kann dem Werk, der Serie, den beiden Comicschaffenden oder dem Verlag natürlich keine generelle Absolution erteilen. Denn lag nicht das Besondere an der Kritik des ersten Bandes im gewaltigen, ambivalenten und hierbei stets positiven medialen Echo, welches „Gung Ho“ zukam? Und ebendas wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen können. Dieser Blog kann jedoch versuchen seinen subjektiven Eindruck im Folgenden wiederzugeben und somit ein Teil eines möglicherweise erneut erklingenden Echos werden.
Wie bereits beim ersten Band gibt es diesen in einer limitierte Vorzugsausgabe für 35 Euro mit 120 Seiten und in einer Ausgabe für 22 Euro, die 80 Seiten umfasst und ebenfalls die gesamte Geschichte erzählt, aber keine Skizzenzeichnungen, Hintergründe und dergleichen enthält. Daher also altbekannt. Selbiges könnte man auch über den Zeichenstil und die Farbgebung sagen, die exakt so „hell[], sonnendurchflutet[]“ (n-tv), „toll komponiert[]“ (comicreview) und „zwischen Leichtigkeit und Schwere“ (Tagesspiegel) gestaltet sind, wie ebenjene medialen Vertreter es für den ersten Band konstatierten.  
Wie der erste beginnt auch der zweite Band „Gung Hos“ mit Abbildungen von bewaffeneten Wachdienst haltenden Personen, einer Zugfahrt und zwei Personen, die die Pforte des Forts Apache erreichen. Doch wie bereits durch die beiden Leseproben (Band 1 und Band 2) jedem Interessierten deutlich wird, hat sich die lockere Atmosphäre zu Beginn des ersten Bandes in eine doch durchaus angespannte, ja sogar bedrohliche Atmosphäre am Anfang des zweiten Bandes gewandelt. Und es scheint so, als würde es in diesem Band zu einer verstärkten Konfrontation der Menschen im Fort Apache mit der Weiße Plage - den Reißern - kommen und somit kann dem Leser, der Leserin, die Gefahrenzone, die Europa in diesem Comic ist, nun erst vermutlich wirklich bewusst werden. 

Am 08. Juni 2015 erscheint der nächste Band der auf 5 Bände angelegen
Gung Ho-Serie und wird zeigen, ob er die Erwartungen erfüllen kann, die an ihn gestellt werden, und vor allem, ob das Fort Apache und dessen Bewohner:innen tatsächlich schon in „Ohne Rücksicht auf Verluste“ schmerzhafte Verluste und Rückschläge zu verzeichnen haben. 


                                                                                                         © Cross Cult
Nach der Veröffentlichung des zweiten Bandes soll in diesem Blog noch eine Analyse der ersten beiden Bände der Comicserie folgen, von der aber noch nicht gesagt werden kann, wann sie denn dann auch wirklich realisiert werden wird. 

Für all jene, die weitere Informationen über Gung Ho“ und die Entstehung dieses Comics erhalten möchten hier noch  ein ausführliches Interview mit Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant. 




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Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder entstammen den Pressebildern des Cross Cult-Verlag.