Dienstag, 24. Februar 2015

Weitab von einfachen Comicheften - Über gegenwärtige Brennpunkte in den aktuellen "Spirou"-Geschichten


Der neuste Ableger des "Spirou"-Magazins und somit des Verlags Dupuis erscheint offiziel am 24. Februar 2015 in den deutschen Verkaufstellen, war ebendort aber bereits früher erhältlich. Der Titel dieser von Fabien Vehlmann und Yoann Chivard geschaffenen Geschichte ist "Der Page der Sniper Alley" (Le groom de Sniper Alley).
© Carlsen
Informationen über die 75jährige Historie der Figur Spirous, des gleichnamigen Magazins und über vorherige Zeichner und Autoren können im ersten Eintrag dieses Blogs nachgelesen werden. Dieser Beitrag jedoch wird sich speziell mit diesem gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Werk und seiner unmittelbaren Vorgeschichte befassen.
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Vehlmann und Yoann haben die laufenden Serie im Jahr 2010 übernommen und seither vier Titel geschaffen. Ihre "Spirou"-Geschichten sind hierbei sowohl zeitlich als auch inhaltlich fortlaufend, weshalb hier - allerdings stark verknappt und gerafft - deren Geschehnisse wiedergegeben werden sollen. Vehlmann und Yoann bedienen sich beim Personal und den Motiven ihrer Geschichten bei altbekannten Figuren und Ideen aus den Abenteuern Spirous. Sie tun ebendies jedoch in einer Weise, dass bei wechselnden Schauplätzen, Personen und Motivationen, dennoch ein Verlauf der Handlung suggeriert wird, nach dem es gar nicht anders möglich scheint, als wie es dann mittels Bild und Text berichtet wird.
Im ersten Band der laufenden Serie des Magazins, den Vehlmann und Yoann übernommen hatten, "Angriff der Zyklozonks" aus dem Jahr 2010, stehen rätselhafte Entwicklungen in Rummelsdorf im Vorderung. Entwicklungen, die in ihrer Darstellungsform an eine Seuche denken lassen, denn ganz Rummelsdorf wird vom Militär unter Qurantäne gestellt und die Bewohner des kleinen Dörfchens werden von den dort eingesetzten Soldaten dekontaminiert. Spirou und Fantasio sind jedoch nicht gewillt diese geheimnisvollen Geschehnisse auf sich beruhen und den Grafen von Rummelsdorft, von welchem sie einen Hilferuf erhalten haben, im Stich zu lassen.
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Im deren zweiten Band "Die dunkle Seite des Z", erstmals veröffentlich 2011, erzählen Yoann und Vehlmann von der Erschließung des Mondes und von der Geheimbasis des Zyklotrops. Auf der urbanisierten Rückseite der Mondoberfläche wurde ein luxerisöses Ferienresaultat für die Reichsten der Reichen errichtet, mit künstlichem Stand, schneebedeckten Berghängen für Skiabfahrten und vielem mehr. Dieser Vergnügungspark der Extravaganz soll es Zyklotrop, von welchem er errichtet wurde, ermöglichen seine geheimes Mondhauptquartiert und den Misserfolg seines letzten und den Erfolg seines nächsten Vorhabens zu finanzieren. 

Die gezeichneten Geschichten von Vehlmann und Yoann schaffen dabei etwas, dass bisher in den Abenteuern Spirous nicht dagewesen ist, sie sind - zumindest teilweise - selbstreflektiv und Verhandeln aktuelle Diskurse und Probleme der heutigen Gesellschaft. Selbsreflektiv sind sie nicht nur dadurch, dass Spirou wiederum für den Dupuis-Verlag namentlicht für das "Spirou"-Magazin tätig ist, sondern vor allem dadurch, dass eine fiktive Leserin des Magazns in die Handlung eingebunden wird, wie auch die vorherigen Geschichten als reale Erlebnissse innerhalb des Comics wiedergegeben werden, was zu einer innerfiktionalen Brechung der Erzählerinsatzen führt. 
Was am Besten auf der dritten Seite des 51. Bands im Gespräch Spirous mit Nina, der Leserin, deutlich wird. "Ich hab den Comic über euer Abenteuer gelesen! Stimmt es echt, dass du DIE LEUTE FRESSEN WOLLTEST?!", fragt Nina ebenda Spirou, der erwidert: "HrHrm... Na hör mal, natürlich nicht! Die Autoren sind ercht freizügig mit der Wahrheit umgegangen..." (Band 51, S.3).
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Der dritte Band "In den Fängen der Viper", dessen Inhalt episodenhaft 2012 im "Spirou"-Magazin zum ersten Mal abgedruckt worden ist, erzählt eine deutlich realere und hierdurch auch eindringlichere Geschichte, als es für die sonstigen Comics von "Spirou und Fanatsios" üblich ist. Denn in diesem Band steht das "Journal de Spirou" vor Gericht und zwar wegen des Vorwurfs der Inhalt des Magazins weise "reiserische[n] Sexismus, Vulgarität[, und] die systematische Verunglimpfug der moralischen Werte [...] [der] Gesellschaft"(Band 51, S.4) auf, was sodann zu einer Schadensersatzzahlung von einer Millionen Euro führt. Da das Magazin jedoch nicht über derartige Summen verfügt, steht es kurz vor der Insolvenz, ehe ein dubioser Geldgeber mit den nötign Finazmitteln einsspringt. Dieser Geldgeber, ein Hedgefond-Manager, handelt allerdings nur scheinbar im Interesse des "Spirou"-Magazins, was innerhalb dieses Comics recht schnell ersichtlich wird. Welche Auswirkungen die Spekutation an der Börse haben kann und hat, benennt dieses "Spirou"-Abenteuer ebenfalls und greift solcherart ein noch immer nicht gelöstes Problem der so titulierten "Finanzkrise" und des Börsencrashs 2008 auf.  
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Der vierte und gerade erschienene "Spirou"-Band der laufenden Serie von Fabien Vehlmann und Yoann Chivard "Der Page der Sniper Alley" hingegen hat nichts mit Börsenzockerei, der Bildung von Eliten oder mit unberechnenbaren Ereignissen zu tun, sondern stattdessen wird ein Kriegsgebiet in den Fokus der Handlung gerückt. Nachdem der letzte Herrscher des fiktiven Landes Aswana, welches den beiden Ländern Syrien und Irak nach empfunden ist, durch einen unbemannten Militäreinsatz hingerichtet wurde und somit der Krieg beendet scheint, werden Spirou und Fanatsio vom Mafiosie Don Cortizone, Vito dem Pechvogel, durch Verquickungen mit vorherigen Erlebnissen dahingehend erpresst, dass sie sich an der Suche nach einem verschollenenen archologischen Erbe beteiligen sollen. In dieser gezeichneten Schatzsuchergeschichte, die zum Teil explizit auf Motive und Bildelemente aus den "Indiana Jones"-Filmen rekuriert, wird jedoch neben der Abbildung der ambivalenten Lebenswirklichkeit von alliierten Soldaten, Rebelen und der Zivilbevölkerung auch die mediale Berichtserstattung und Auseinandersetzung von Kriegshandlungen und gezielten Tötung von Staatsfeinden behandelt. Trotz der relativ realen Verhandlung ebendieser Verhältnisse ist "Der Page der Sniper Alley", gerade durch seine teils slapstickartige Erzähl- und Zeichenweise, die eine Distanz zu den tatsächlichen Ereignissen schafft, nicht durchweg ernüchternd und kritisch, wie etwa Ville Tietäväinen (1970-) ausgezeichnete Graphic Novel "Unsichtbare Hände", sondern detailreich, vielschichtig und dabei stets Gegebenes hinterfragend. Was unter anderem auch daran ersichtlich ist, dass beispielsweise auch indirekt auf die gegenwärtige Plünderung von Kulturstätten verwiesen wird. 
Yoann Chivard und Fabien Vehlmann, die bei diesem Band von Laurence Croix (Farben) und Fred Blanchard (Desidns) unterstützt wurden, rücken mit der Suche nach archologischen Funden ein Thema aus ihrem "Spirou"-Sonderband „Die steinernen Riesen“ aus dem Jahr 2006 abermals in den Vordergrund und bedienen sich zudem auch bei Figuren aus diesem Werk sowie aus "Die dunkle Seite des Z". Ferner hat Gaston Lagaffe einen kurzen Gastauftritt in einer drei Panel umfassenden Rückblende Fantasios. 
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Die Figur des Gaston Lagaffe ist ebenso wie die des Marsupilami, die sich auf einer einseitigen Abbildung aus dem Jahre 2013 am Ende dieses Bandes finden lässt, nur möglich, da der Dupuis Verlag die Rechte von André Franquin (1924-1997) jüngst übernommen hat. 
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Wie bereits bei den vorherigen Bänden werfen die Panels auf der letzter Seite des neusten Bands von Vehlmann und Yoann einen Blick voraus auf die wohl folgenden Ereignisse und so wird sich das neuste Abenteuer Spirous anscheinend mit dem Marsupilami, dessen Entführung und den Folgen dieser beschäftigen, womöglich aber auch nicht. Es wird zumindest in den beiden letzten Panels ein Rückgriff auf André Franquins Werke "Eine aufregende Erbschaft" und "Die Entführung des Marsupilamis" suggeriert.  

Yoann Chivard und Fabien Vehlmann haebn nach der Übernahme der laufenden "Spirou"-Serie zu verstehen gegeben, dass sie "den Geist der klassischen 'Spirou'-Geschichten für eine moderne Lesergeneration [...] adaptieren"(Band 52, S.51) wollen, was ihnen bereits durch die Formulierung neuer und aktueller Themengebiete in den einstigen Kindergeschichten und somit einem veränderten Erzählton zu gelingen scheint.  
 
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Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder entstammen dem vom Carlsen Verlag der Presse zur Verfügung gestellten Material. Hier verwandte Informationen enstammen auch den jeweiligen Anhängen der "Spirou"-Bände. 

Donnerstag, 19. Februar 2015

Toriyamas gesammelte Kurzgeschichten und ein Backfisch liebender Katzendämon

Toriyama Akira ( 鳥山 明, 1955-), der seit dem weltweiten Erfolg seines Mangas "Dragon Ball", mit zu den bekanntesten und beliebtesten Mangaka schlechthin zählt, wird gerade in Form seiner Kurzgeschichten in Deutschland neuerlich veröffentlicht.
Toriyamas Kurzgeschichtenserie "Neko Majin" (ネコマジン) erscheint hierbei als vierter Band der Reihe "TORIYAMA SHORT STORIES" abermals beim Carlsen Verlag. Erzählt werden in diesem Band die durchaus amüsanten und abwechslungsreichen Abenteuer dreier unterschiedlicher Katzendämonen, von denen der erste die Welt vor einem Dämonen retten muss, der zweite nur auf seinen Vorteil und sein Vergnügen aus ist und deswegen Touristen prellt und letzterer Katzendämon es mit Außerirdischen, einer Entführung und schmackhaftem Backfisch zu tun bekommt. Die Kurzgeschichten über die Katzedämonen entstanden zwischen 1999 und 2005.
© Carlsen Verlag /picti mundi
Das erste Mal wurde "Neko Majin" episodenhaft im BANZAI-Magazin veröffentlicht und hierauf dann separat 2007 als Taschenbuch herausgegeben, wie auch Toriyamas Kurzgeschichte "Mad Matic" aus dem Jahre 1982 als Hosentaschenbuch (chibi) 2009. 
Im vom Carlsen Verlag bis Dezember 2005 publizierten BANZAI-Magazin waren Zeichnungen um Toriyamas Katzendämon mehrfach auf dem Cover. Das erste Mal in der Ausgabe Nummer 8 vom Juni 2002. Doch im BANZAI-Magazin erschienen auch andere Titel Toriyamas, so etwa "Sandland" - wurde im Jahr 2002 unter dem Label "Best of BANZAI!" als Taschenbuch verlegt - oder die neu gestalteten Geschichten von "Dr. Slump", die jedoch bisher nicht gesondert veröffentlicht worden sind. 
© Carlsen Verlag / picti mundi
In den letzten beiden Jahrzehnten, genauer nach dem Abschluss seiner Serie "Dragon Ball Z", war Toriyama auf dem japanischen Markt weniger Präsent als zuvor und machte nur sporadisch mit kürzeren Werken von sich reden, was allerdings diesen zu einer größeren Aufmerksamkeit verhalf. 
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Die acht Kurzgeschichten "Neko Majins" sind in diesem Kontext veröffentlicht worden und dienten Toriyama Akira - neben dem bloßen Umstand seiner Leserschaft abermals etwas von ihm Gezeichnetes darbieten zu können - ebenfalls dazu, sich humoristisch mit seinen eigenen Werken auseinanderzusetzen. Somit ist "Neko Majin" unter anderem ein Rückgriff Toriyamas auf seine anfänglichen Mangaerfolge, sowohl was die Art des Erzählens als auch die Motivwahl angeht. 
Die Reihe "TORIYAMA SHORT STORIES" enthält nicht nur die One-shots und sonstigen Kurzgeschichten Toriyamas, sondern auch zusätzliche Informationen, wie die Orts- und Datumsangabe der Erstveröffentlichung jedes einzelnen ebenda abgedruckten Kapitels. Im zweiten und im dritten Band ist zum einen ein sechsseitiger Bericht abgedruckt, in dem Toriyama erzählt, wie er zu einem Mangaka wurde und zum anderen in einem gezeichneten "Making of" schildert, wie es ihm bei seinen ersten Veröffentlichungen erging und in welchem Umfeld und unter welchen Umständen er seine anfänglichen Geschichten schuff. Wodurch diese Mangareihe es den Leserinnen und Lesern ebenfalls ermöglicht die Entwicklungen im Schaffen dieses Mangakas besser nachvollziehen zu können. Somit werden Veränderungen in seinen Werken verständlicher, wie der zwischenzeitliche Wandel von Titeln, die überwiegend lustig sein sollten, zu solchen mit mehr Kämpfen und verwobeneren Geschichten, aber auch die daran anschließende Kehrtwende Toriyamas. Eine solche bebilderte Kommentierung des eigenen Werks ist für Toriyama nicht ganz unüblich und findet sich dergestalt auch in den achtzehn Bänden seiner Mangaserie "Dr. Slump" wieder.
© Carlsen Verlag
Diese Reihe, die "TORIYAMA SHORT STORIES", enthält unter anderem die Kurzgeschichten "GO! GO! ACKMAN!", "Cashman - Der Krieger der Sparbüchse", "DUB und PETER 1", "Chobit" oder "COWA!", die in Europa schon vor fünfzehn Jahren beispielsweise beim französischen Verlag Glénat erschienen sind und zwar zwischen März 1998 und September 1999, aber bisher nicht in einer deutschen Variante vorlagen, was zeigt, wie überfällig eine solche Publikation - jedenfalls für die hiesige Leserschaft Toriyamas - gewesen ist.
Die Sammlung ist nicht chronologisch konzipiert, was allein daran ersichtlich ist, dass Toriyamas beiden ersten One-shots "Wonder Island" aus den Jahren 1978 und 1979 erst im dritten Band enthalten sind, was jedoch nicht zum Nachteil der Reihe ist. 

Vor allem die Vorüberlegungen zu Toriyams meist verkaufter Serie "Dragon Ball" (1984-1995) sind im zweiten Band dieser Reihe erkennbar, namentlich in den Kurzgeschichten "Dragon Boy" (1983) und "Tongpoos großes Abenteuer" (1983). Diese beiden Kurzgeschichten nehmen das Aussehen von Schauplätze und Figuren, wie deren Charaktereigenschaften, den Witz, die Handlung und die Neuerungen, welche "Dragon Ball" mitunter zu einer solchen Beliebtheit bei den Lesern und Leserinnen verholfen haben, vorweg. 
In gewisser Weise waren diese Kurzgeschichten die Blaupausen Toriyamas für seine größeren Werke, was auch im Falle seiner Werke "Dr. Slump" und "Kajika" nach der Lektüre der "TORIYAMA SHORT STORIES" festgehalten werden kann.
© Carlsen Verlag
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Das neuste Werk aus der Feder Toriyama Akiras "JACO - THE GALACTIC PATROLMAN" aus dem Jahre 2013, welches unter dem Titel "Ginga Patrol Jaco" (銀河パトロール ジャコ) publiziert wurde und bislang noch nicht in irgendeiner deutschen Übertragung vorhanden gewesen ist, ist im nächsten Band dieser Reihe enthalten. Der offizielle Erscheinungstermin dieses Bandes, der mit 256 Seiten etwas umfangreicher als die vorherigen sein wird, ist der 26. Mai 2015.
© Carlsen Verlag
Und so bleibt schlussendlich nur die Frage, weshalb Toriyamas Erfolgsserie "Dr. Slump", die immerhin zwei Animeumsetzungen erfahren hat, von denen die jüngere in Deutschland ab Juni 2002 auf RTL 2 ausgestrahlt und hierauf auf DVD herausgegeben worden war, nicht mehr im Verlagsprogramm von Carlsen zu finden ist. "Dr. Slump" wurde im  Weekly Shōnen Jump zwischen 1980 und 1984 veröffentlicht und gilt noch heute als einer der Wegweisendsten Gag- respektive Witzmangas, der eine ganze Generation von Mangaka sowie deren Leserschaft beeinflusst hat. 
© Carlsen Verlag /picti mundi
Ein Nachdruck in Taschenbuchform der im BANZAI-Magazin erschienen neuen Geschichten von "Dr. Slump" wäre zumindest, falls sich die Kurzgeschichten dieser Reihe Toriyama-Senseis gut verkaufen, wünschenswert.
   
© Carlsen Verlag /Glénat / picti mundi

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Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder entstammen dem vom Carlsen Verlag der Presse zur Verfügung gestellten Material oder sind selbst aufgenommene Fotografien. 

Dienstag, 27. Januar 2015

Was tun mit der Allmacht? - Überlegungen zur Entwicklung der Comichelden

Mit der Schöpfung Supermans, dem ersten "klassischen" amerikanischen Superhelden, wurde aus den vormaligen Helden und Heldinnen Wesen mit übernatürlichen Fähig- und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. 
Während der Held oder die Heldin zuvor noch eine Person gewesen war, die unter dem Einsatz ihres Lebens große Taten zu vollbringen versuchte und hierbei mitunter über eine besondere Begabung - wie Durchhaltevermögen, Intelligenz oder Kraft - verfügte, wandelte sich dieses Bild beim nun entstandenen Superhelden. Diese neuen Helden, die die vorher geltenden Maximen sprengten und das Menschenmögliche übertrafen, stehen mit ihren sagenhaften Fähigkeiten gewissermaßen in der Tradition der mythologischen Heldengestalten. 
Julius Schnorr von Carolsfeld: "Der Kampf an der Stiege [2]" (1834/35).
Der einstige Held, der außerhalb der fantastischen Vorstellungen über Jahrhunderte hinweg überwiegend der Kriegsheld gewesen war, wurde, auch unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges, nicht mehr als dergestalt heroisch wie dereinst wahrgenommen; stattdessen wurde die Grausam- und Sinnlosigkeit der Schlachten in Europa und selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Bevölkerung weiter vom Kriegsgeschehen entfernt war, als die Einwohner der europäischen Länder, offensichtlicher und somit wurden auch die Vertreter des kriegerischen Handelns entglorifiziert.  
Félix Vallotton: "Das ist der Krieg: Schützengraben" (1915).
Dieser neue, aus gezeichneten Geschichten entstandene Typus von Kämpfern für das Recht - ob für das Richtige, bleibt zu fragen - zeichneten sich unter dem Vorzeichen Supermans nicht nur durch ihre übernatürlichen Kräfte aus, sondern vielmehr durch ihre fantastische Unbesiegbarkeit, die diese Helden als unfehlbar zeichnete.
Am drastischsten wird dieser Umstand wohl am Comic "Captain Marvel" deutlich. Der Protagonist dieser Geschichte ist der Waisenjunge Billy Batson, den der Zauberspruch "Shazam" zu einem ausgewachsenen Mann werden lässt, der über Weisheit, Stärke, Ausdauer, Macht, Mut und Geschwindigkeit verfügt. Das Kunstwort "Shazam", welches ein Zauberer Billy Batson beibringt und ihm diese Kräfte verleiht, vereint die mythologischen Sagengestalten Salomon, Herkules, Atlas, Zeus, Achilles und Merkur, wie deren Fähigkeiten.
Dass das Konzept des Superheld heutzutage überaus beliebt und weitverbreitete ist, ist durch seine Präsenz allenthalben erkennbar. Der deutsch-französische Fernsehsender arte, der sich selbst als Kultursender versteht, strahle mit "H-MAN" eine zehn Folgen umfassende Serie aus, in denen sich ein Superheld (Arthur H) Problemen des Alltags stellen muss. Gegen diese Alltagsprobleme, die stets anthropomorph personifiziert sind, versuchen sich H-MAN und seine Superheldenmitstreiter innerhalb der jweils fünfminütigen Folge zu behaupten. Probleme, mit denen es Arthur H in der Gestalt seines Superhelden Alter Egos tun bekommt, sind unter anderem die Finanzkrise, das Öl und die Abhängigkeit von ihm, sowie die deutsch-französische Energiepolitik.  
Allerdings birgt diese Konzeption eines Superhelden, eines Helden mit unbesiegbaren Kräften, den Nachteil, dass Auseinandersetzungen, an denen dieser Superheld beteiligt ist, sehr berechenbar werden und hierdurch die Spannung der gezeichneten Geschichte leidet, sodass alles, was der Leserschaft übrig bleibt, die Beurteilung der jeweiligen Heldentat und deren Vergleich mit vorherigen Taten ist. Da dies zu keiner interessanten oder abwechslungsreichen Narratologie führt, war Batman, der Superman als Superheld direkt nachfolgte, auch sein genaues Gegenstück. Batman, der keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt, gelingt es stattdessen mittels seines Spürsinns, viel körperlichem Einsatz und teuren technischen Apparaturen erfolgreich seinen Kampf gegen das Verbrechen zu führen. Was wiederum den "einfachen" Menschen in den Mittelpunkt der Comichefte rückte, mit seinen doch durchaus begrenzten Möglichkeiten und Schwächen.
Ein Comic, an dem dies - zumindest an der Hauptfigur - gut ersichtlich ist, ist "Kick-Ass". Der Protagonist dieser Geschichte Mark Millars (1969-) und John Romita juniors (1956-) ist ein gewöhnlicher, weißer, in den U.S.A. lebender Jugendlicher namens Dave Lizewski. Dave, der ein leidenschaftlicher Comicleser ist, beschließt selbst ein Streiter für die Gerechtigkeit zu werden, kauft sich einen grünen Taucheranzug, der ihm als Kostüm dienen soll, und beginnt völlig unbedarft mit seinem Einsatz für seine Überzeugungen. Kick-Ass beginnt mit den Worten: "Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen. Ist der Alltag wirklich so aufregend? [...] Kommt, seid ehrlich. Irgendwann im Leben wollten wir alle mal Superhelden sein." Diese Aussage wird allerdings mit Bildern unterlegt, die die Torheit dieses Vorhabens und den anschließenden Verlauf dieses Comics mehr als nur erahnen lassen. 
Bereits bei seiner ersten Auseinandersetzung muss Dave jedoch erkennen, dass es weit mehr als nur der richtigen Einstellung und eines Anzuges bedarf, um ein Superheld zu sein; doch er gibt nicht auf. 


Wenn man die Superhelden nicht zu einfachen Menschen werden ließ, brachte man ihnen aber zumindest Verletzungen und Schwächen bei; beispielsweise war Superman mittels des im Jahre 1945 erdachten Kryptonits plötzlich nicht mehr unverwundbar. Doch ging das Normalisieren der Helden und das angleichen in die gesellschaftlichen Strukturen noch viel weiter, so sind beispielsweise auch die eigentlichen Identitäten der jeweiligen Superpresonen, ob Bruce Wayne (Batman), Clark Kent (Superman), Peter Parker (Spiderman) oder Sandra Knight (Phantom Lady) um den Schutz ihrer Person besorgt, sodass sie sich als nicht im Heldenoutfit befindliche Person nicht gegen die Normen und Erwartungen der Gesellschaft stellen wollen und demnach als "Zivilperson" ihre besonderen Befähigungen nicht gebrauchen. Erst das Kostüm verleiht die Narrenfreiheit ein Held respektive ein Superheld zu sein. Ebendieser Sachverhalt wird allein an einer Seite aus der Comicserie "Phantom Lady", deren Handlung sich um eine der ersten weiblichen Superhelden der amerikanischen Comics entspinnt, greifbarer. Phantom Lady kann trotz aller Gefahr und Demütigung, die ihr in dieser Geschichte in der Gestalt von Sandra Knight wiederfährt, erst dann eingreifen und sich und ihren Begleiter aus dieser Situation und vor einem stereotypischen asiatischen Bösewicht retten, als sie sich in Ruhe und ungesehen mit ihrem Heldengewand anonymisieren kann. 
Inwieweit diese Verkleidungen innerhalb dieser gezeichneten Geschichten tatsächlich die eigentliche, nicht heldenhafte Seite dieser Personen unkenntlich machen, soll hier nicht thematisiert werden, schließlich soll jede:r Leser:in ja stets und zu jeder Zeit den Superhelden, die Superheldin, in beiden Identitäten erkennen können und hierbei bloß nicht irritiert werden. 

Jedoch war bereits Batman als menschlicher Held ohne Superkräfte seinen Gegnern, derart überlegen, dass ihm schon ein Jahr nach seinem erstmaligen erscheinen, 1940, ein Superbösewicht, der Joker, als Pendant gegenüber gestellt wurde. Auf diese Weise wurde die Konzeption dieses Comics solcherart verändert, dass vorher vorherrschende Handlungsmuster aufgebrochen und damit eine neue und weniger vorhersehbare Erzählweise innerhalb der Geschichte und den schwarzen Ritter etabliert werden konnte. 
Um einen wirklichen Wettkampf zwischen "Gut" und "Böse" zu zeigen, der seine Spannung dadurch erhält, dass nicht unbedingt von Beginn an absehbar ist, wer der schließlich Triumphierende ist, wurde in diesem Fall das Gegenüber verstärkt und somit dem Helden angeglichen. Jede:r Comicleser:in weiß natürlich, dass es im Falle Batmans und Supermans keine endgültigen Entscheidungen gibt, aber es gibt Comichefte, in denen tatsächlich triumphierende Parteien vorkommen und die Geschichte endet. 

Eine ausgeglichenere Ausgangssituation war es, die hierauf von den Zeichnern und vor allem von den Textern dieser bebilderten Abenteuer mehr und mehr in den Vordergrund gerückt worden war, was neben dem bereits in diesem Beitrag beschriebenen Veränderungen innerhalb der jeweiligen Comicgeschichten, gleichfalls Superhelden einander gegenüberstellte, was etwa in der Geschichte des Marvel-Verlages "CIVIL WAR" der Fall war. 
© PANINI COMICS

Zudem wurde auch vor der geistigen und physischen Verfasstheit der Superhelden nicht halt gemacht. Die Folge waren äußerst divergente und in dieser Form zuvor noch nicht gekannte Figuren, so handelten die sodann entstanden Geschichten, etwa von einem Nuklearphysiker, der sich bei der geringsten Verstimmung in ein tobendes Monstrum verwandelt (Der unglaubliche Hulk), von einem vergeltungssüchtigen Massenmörder ohne Schuldgefühle (The Punisher), von einem kompromisslosen im Untergrund Kämpfenden, der lediglich das Gräuel der Welt sieht und sonst nichts mehr wahrnehmen kann (Rorschach/Watchmen) oder von einem Nick Knickerbocker. 

© New Worlds Comics

Als vermeintlich einziger Schutz der Erde werden von außerirdischen Mächten dem Menschen Nick Knickerbocker Superkräfte verliehen, problematisch daran ist jedoch, dass Nick ein riesiger Tollpatsch und darüber hinaus auch noch einfältig ist. In "Goof" wird deswegen nicht von Heldentaten erzählt, sondern von Nick Knickerbockers Leben und davon, wie es ihm trotz Superkräften gelingt sich beständig falsch zu verhalten, ob bei der Rettung einer Katze, seiner Familie gegenüber oder in Liebesdingen. "Goof" ist eine Persiflage des klassischen Comichefthelden und stammt von Guy Hasson, Borja Pindado und Guillermo Ramierz. 
Nick Knickerbocker ist ein negativer Gegenentwurf der Figur des "klassischen" Superhelden und bedient somit eine Strömung, die sich über die Allmachtsfantasieen früherer Comichefte lustig macht. 
Erschienen ist dieser Comic im New Worlds Comics-Verlag, bei welchem ebenfalls der Comic "Wynter" herausgegeben worden, der gleichfalls von Guy Hasson und von Aron Elekes geschaffen wurde. Beim Comic "Wynter" hat der Verlag "New Worlds Comics" ein interessantes Konzept erstellt, bei dem man den Comic gratis online lesen und selbst bestimmen kann, ob und wenn ja mit welchen Summen man die Künstler unterstützen will.

Allerdings kann die Geschichte eines Superheldens nur ein bestimmtes Ende nehmen. Die Heldenperson triumphiert schließlich über das Böse und rettet somit sich selbst, eine andere Person, die Welt, das Universum oder was auch immer. Zwar gibt es Zeiten, in denen auch das Böse das Gute - wenn denn eine solche schwarz und weiß Charakterisierung gegeben ist - besiegt, allerdings sind diese Erfolge nur von kurzer Dauer, denn am Schluss kann niemand anderes als der Held oder die Heldin siegreich sein. Als ein Exempel für diese kurzeitige glückliche Fügung für den Schurken, ehe dieser neuerlich scheitert beziehungsweise endgültig, ist der Tod Supermans zu nennen, der jedoch wiederkehren wird, oder der Verlauf des bereits erwähnten Comics "Kick-Ass", in dem es dem Protagonisten mitunter mehr als nur schlecht ergeht. 
Zwar sterben in vielen dieser Geschichten auch Figuren der als gut konzipierten Seite, doch gelingt es den als das Übel dargestellten Figuren nie ihre Vorhaben dergestalt zu verwirklichen, dass beispielsweise die Erde endgültig zerstört wird, dass das Universum implodiert oder sie einfach mit ihren Plänen den gewünschten Erfolg erzielen. Vorkommnise, die logischerweise das Ende dieser Geschichten zur Folge hätten.
In Neil Gaimans (1960-) und Andy Kuberts (1962-) "Marvel 1602" wird dies auf den letzten Seiten mit am greifbarsten, denn das scheinbar unverrückbare Schicksal, auf welches hin der Ausgang dieses Comics geschrieben und gezeichnet ist, wird dort unter der Aufbietung aller nur erdenklichen Möglichkeiten dennoch zu einem versöhnlichen Abschluss, ohne dass etwaige Opfer nötig wären, gebracht.
Um noch einmal auf die bei arte gezeigte Serie "H-MAN" zu verweisen, auch wenn es sich bei ihr nicht um einen Zeichentrickfilm oder gar einen Comic handelt, weil bei ihr das Schicksal des zu Sieg verdammten Superhelden verändert wird und es hierdurch nicht mehr diesen letzten rettenden Triumph des Rechts über das Unrecht gibt. Sicherlich dadurch bedingt, dass sich die tatsächlichen Probleme, die hier als die Grundlagen für die jeweilige fiktionale Auseinandersetzungen der Einzelfolgen der Serie dienen, nicht mit einem Fingerzeig lösen lassen, enden diese entsprechenden Folgen immer bevor eine endgültige Entscheidung gefallen ist. "H-Man" ist sowohl über den französischen als auch über den deutschen Youtubekanal von arte zu sehen.
Herbert James Draper: James Mourning for Icarus (1898).

"Seltsam, dass es noch keiner vor mir gemacht hat. Bei diese ganzen Comic-Filmen und -Serien hätte sich doch wenigstens ein verschrobener Spinner mal ein Kostüm basteln müssen." Tatsächlich nehmen, vor allem in den U.S.A., aber auch andernorts, die Zahlen derer, die sich im wirklichen Leben - abseits der Hefte und irgendwelcher Fantreffen - in Superheldenkostüme hüllen, zu. Diese Menschen träumen allerdings keinesfalls von übernatürlichen Kräften oder von glorreichen Heldentaten, sondern sie streiten für eine etwas bessere Welt.

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Die in diesem Beitrag verwendeten gemeinfrei Bilder entstammen: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, flickr-Profil der "British Library" oder der Seite FuryComics.
Bei den weiteren Abbildungen wurde das Copyright kenntlich gemacht. Sie stammen vom New Worlds Comics- und Panini-Verlag.