Zu Beginn des Romans „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“
beschreibt sich Hildegunst von Mythenmetz selbst als den größten Schriftsteller
Zamoniens und berichtet davon, wie er seine Tage auf der Lindwurmfeste verbringt,
nämlich mit dem hingebungsvollen Verzehr von Mahlzeiten,[1]
„dem dilettantischen Spiel auf der Klavorgel“[2]
und dem Lesen von „Verehrerpost“[3].
In dieser „Verehrerpost“ befindet sich ein schlechtgeschriebenes Manuskript,[4]
in dem Mythenmetz „[s]ein[en]
Stil, [s]eine Wortwahl, [s]eine bandwurmlangen Schachtelsätze“[5]
wiedererkennt und sich zugleich „[a]ls Parodierter vollkommen durchschaut und
gedemütigt“[6]
fühlt. Dieses Manuskript lässt ihn sich selbst fragen: „Schrieb ich tatsächlich
solch ein grauenhaftes, völlig ormloses Zeug?“[7]
und ihn retrospektiv einsehen, dass das, was er „damals für den Gipfel [s]einer
Laufbahn hielt, [...] in Wirklichkeit ihren absoluten Tiefpunkt“[8]
markierte. Als Absender dieses Manuskripts wird:
Hildegunst von Mythenmetz [, der Buchling, der nach dem
Dichter benannt wurde,]Buchhaim, Zamonien Mittlere Katakomben Lederne Grotte[9]
angegeben. Ferner enthält es das Postskriptum „P.S. Der Schattenkönig ist zurückgekehrt.“[10]
Dieses Manuskript veranlasst schließlich den Lindwurm
Hildegunst von Mythenmetz „einen kurzen Brief mit hexametrischen
Abschiedsversen“[11] zu
verfassen und zum zweiten Mal die Lindwurmfeste in Richtung Buchhaim zu
verlassen. Nach kurzer Reise und einer Auseinandersetzung mit einem Zwerg am
Stadttor Buchhaims betritt Mythenmetz, mehr als zweihundert Jahre nach seinem
ersten Besuch, abermals die Stadt, diesmal jedoch inkognito.[12]
Dort angelangt schildert er seinen Lesern in vier von ihm als „Mentalgemälde“[13]
bezeichneten Ausführungen seine ersten Eindrücke des neuen Buchhaims.[14]
In Begleitung einer „,Lebenden historische[n] Zeitung[...]‘“[15],
die ihm einige der Veränderungen und Neuerungen Buchhaims anhand alter
Zeitungsartikel schildert, lernt Hildegunst von Mythenmetz das neue Buchhaim
kennen.[16]
Beim anschließenden Besuch eines Qualmoirs, in dem Mythenmetz eigentlich nur
eine Pfeife rauchen möchte, trifft er auf den ihm von früher bekannten Lindwurm
Ovidios von Versschleifer, der ihm von seiner sowie Buchhaims Vergangenheit und
von den Eigenheiten der derzeitigen Bewohner der Stadt erzählt.[17]
Hierauf durchstreift Hildegunst von Mythenmetz planlos die Straßen Buchhaims
und widmet sich beherzt den kulinarischen Spezialitäten sowie dem Wein der
Stadt.[18]
Tags darauf besucht Mythenmetz, aufgrund eines alten Streits nicht ohne
Widerwillen, seinen alten Freund Hachmed Ben Kibitzer, einen Eydeeten, in
dessen Antiquariat, in dem sich ebenfalls die mit ihnen befreundete Schreckse
Inazea Anazazi befindet. Dort erfährt er erstmals von der tödlichen Krankheit
seines eydeetischen Freunds und dass dieser im Begriff ist zu sterben. Die
beiden Freunde erklären Hildegunst von Mythenmetz, dass sie ihm den Brief mit
dem Manuskript „weitergeleitet“[19]
haben und Inazea Anazazi berichtet davon, wie sie durch einen Librinauten[20]
in dessen Besitz geriet. Hachmed Ben Kibitzer spricht sich vor seinem Ableben
dafür aus, dass das Manuskript von Homunkoloss, dem Schattenkönig,[21]
stammen könne.[22]
Nachdem Inazea Anazazi die Bestattung sowie den Nachlass
des Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer organisierte und Hildegunst von Mythenmetz
zeitgleich durch Buchhaim irrte und unter anderem einen Puppenbauer lautstark
kritisiert, besuchen die beiden gemeinsam im „Puppaecircus Maximus“[23]
ein Theaterstück.[24]
Das dort gezeigte Theaterstück ist eine Inszenierung von Mythenmetz’ Roman „Die
Stadt der Träumenden Bücher“, was Hildegunst von Mythenmetz als dessen Autor
und als Zuschauer des Theaterstücks dazu veranlasst sich mitunter im Detail mit
diesem und mit seinem Roman auseinanderzusetzen, so auch, was Gemeinsamkeiten
und Unterschiede angeht.[25]
Diese Vorstellung des Puppetistischen Theaters begeistert Mythenmetz dermaßen,
dass er „[v]om nächsten Tag an“[26],
teils geführt von der Schreckse Inazea Anazazi,[27]
teils im Alleingang[28]
oder im Selbststudium[29],
sich dem Puppetismus zuwendet und derart sukzessiv einen besseren Überblick
über diesen und seine verschiedenen Spielarten erhält.[30]
So meint Mythenmetz, dass er „[i]m fortgeschrittenen Lindwurmalter [...] nun
ein wissbegieriger Student des Puppetismus“[31]
wurde und „ein Buch über den Puppetismus [...] schreiben [wolle]. Eines, wie es
noch keines gab.“[32]
Hildegunst von Mythenmetz gibt sodann in all seinen
Einzelheiten ein Gespräch mit einem Librinauten wieder, das er während der
Pausen eines Theaterstücks mit ihm führte[33]
und schildert hierauf verschiedene Formen des Puppetismus und betont dabei die
Wichtigkeit des „Puppaecircus Maximus“ für den Puppetismus und somit für das
neue Buchhaim.[34]
Anschließend berichtet er über ein Gespräch mit Corodiak
Smeik, dem Leiter des „Puppaecircus Maximus“ und nach eigener Aussage dem
Zwillingsbruder von Hagod Saldaldian Smeik.[35]
Hagod Saldaldian Smeik war, wie Mythenmetz in „Die Stadt der Träumenden Bücher“
schildert, von seinem Neffen Phistomefel Smeik „auf hinterhältige und grausame
Weise und aus niederen Motiven ermordet“[36]
worden. Phistomefel Smeik beherrschte alsbald den Buchhaimer Buchmarkt und
lenkte die Stadt aus dem Hintergrund. Als der junge Hildegunst von Mythenmetz
über zweihundert Jahre zuvor erstmals Buchhaim betrat, verbannte Phistomefel
Smeik ihn in die Katakomben, bevor Smeik schließlich beim Brand von Buchhaim
starb, jedenfalls nach den Ausführungen von Mythenmetz in „Die Stadt der
Träumenden Bücher“.[37]
In einem Gespräch in „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ spricht Corodiak
Smeik mit dem älteren Hildegunst von Mythenmetz nicht nur über seine Rolle
innerhalb des Puppetismus, sondern sich auch für die Einzigartigkeit des
„Unsichtbaren Theaters“ aus.[38]
Mythenmetz, der unter dem Pseudonym Mythold von Silbenschmirgler bei Corodiak
Smeik vorstellig wurde,[39]
erhält nach seinem Wunsch von ihm eine Eintrittskarte für das „Unsichtbare
Theater“.[40]
Noch am selben Tag hatte ich versucht, Inazea zu sehen,
um ihr von meiner Begegnung mit Corodiak zu berichten. Aber ihr Antiquariat war
verschlossen, und sie reagierte auch nicht auf mein Klopfen. [...] Ungewöhnlich
war, dass sie gegen ihre Gewohnheiten keine Nachricht für mich an der Tür
hinterlassen hatte[41],
berichtet Mythenmetz, schildert daraufhin seine schlaflose
Nacht und dass er sich am nächsten Morgen eine Stunde zu früh in einer
Buchhandlung einfand, von der ihn eine Kutsche zum „Unsichtbaren Theater“
bringen soll.[42] In
der Kutsche reisen außer ihm „ein Nebelheimer Organist aus dem Cirucs Maximus“[43],
ein „graubärtiger Druide“[44]
und der „Zwerg, mit dem [...] [er] gleich bei [s]einer Ankunft in Buchhaim
aneinandergeraten war“[45],
zu jener Vorstellung des „Unsichtbaren Theaters“. Durch die sogenannte „Giftige Zone“[46]
fährt die Kutsche sie zum „Phistomefel-Rüssel“[47],
an jenen Ort, an dem einst das Haus von Phistomefel Smeik stand, um darüber die
Katakomben, das Labyrinth der Träumenden Bücher, in Begleitung „eines
erfahrenen Librinauten“[48]
zu betreten und ebendort im Dunkeln einer Vorstellung des „Unsichtbaren
Theaters“ beizuwohnen.[49]
Nachdem die Theaterbesucher das Labyrinth betreten haben, wird das Licht der
Lampe gelöscht, was den Beginn der Vorstellung einleiten soll, daraufhin meint
Hildegunst von Mythenmetz den Schattenkönig zu hören und zu spüren. Er verfällt
in einen von ihm als Ormrausch bezeichneten Zustand und muss anschließend
feststellen, nachdem er seine Kerze neuerlich entzündet hat, dass er sich
allein im Labyrinth befindet.[50]
An dieser Stelle endet der Roman mit dem Hinweis des Übersetzers *Walter Moers,
dass die Geschehnisse im nächsten Band fortgesetzt und die offenen Fragen
beantwortet würden.[51]
[1]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Ein Roman aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen und
illustriert von Walter Moers, S. 13 und S. 17 f.
[2]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 18.
[8]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 15.
[9]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 26.
[10]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 38.
[11]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 27.
[12]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 27-43.
[13]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 47.
[14]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 44-64.
[15]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 68.
[16]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 65-82.
[17]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 83-131.
[18]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 132-145.
[19]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 162.
[20]
„,Die alten Bücherjäger‘, fuhr er [ein Librinaut] fort, ,wurden nur von zwei
simplen Kräften angetrieben: Von ihrem Egoismus und von ihrer Gier. Viel
komplizierter waren sie nun mal nicht gebaut. Für einen Bücherjäger gab es nur
ihn selbst und die feindliche Welt, die zwischen ihm und seiner Beute stand.
[...]‘ [...] ,[...] Der Librinaut hat einen Gesellschaftsvertrag, ob man es
glaubt oder nicht. Schön, auch wir sind alle Einzelgänger und Eigenbrötler –
das ist eine Berufskrankheit. Aber wir sehen das große Ganze. Die soziale
Gemeinschaft. Wir zahlen Gebühren und Steuern, wir halten uns an die Regeln.
Wir schmuggeln keine kostbaren Bücher heimlich aus den Katakomben, so wie die
alten Jäger es taten. Wir fördern sie zutage, ja. Das ist unser Beruf. Aber wir
tun das im Licht der Öffentlichkeit! [...]‘“ In: Walter Moers: Das Labyrinth
der Träumenden Bücher, S. 344 f.
[21]
Kibitzer äußert sich folgendermaßen: „,Buchlinge schreiben nicht. Das müsstest
du am besten wissen. Sie sind notorische Leser, die ihr Leben der Lektüre
gewidmet haben. Das sind konsequente Konsumenten von Literatur, nicht ihre
Urheber. So eine komplexe Parodie, wie sie dieser Brief darstellt, kann nur
jemand hergestellt haben, der über großes schriftstellerisches Vermögen und
lange Praxis verfügt. Und in dem Zusammenhang fällt einem wieder ein gewisser
Name ein ...‘ ,Homunkoloss?‘, fragte ich [Mythenmetz]. ,Der Schattenkönig?‘ ,Na
ja, er ist der Einzige, der mir einfiele, wenn solche Qualitäten von jemandem
verlangt werden, der tief unten im Labyrinth haust. Und er ist das einzige
Geschöpf der Katakomben, das dich persönlich kennt und auf die Idee kommen
könnte, dir einen Brief zu schreiben [...].‘“ In: Walter Moers: Das Labyrinth
der Träumenden Bücher, S. 172 f.
[22]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 146-183.
[23]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 208.
[24]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 184-287.
[25]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 225-287.
[26]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 288.
[27]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, u.a. S. 296-306.
[28]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, u.a. S. 306-357.
[29]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, u.a. S. 357-371.
[30]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 288-336.
[31]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 296.
[32]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 336.
[33]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 337-357.
[34]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 358-372.
[35]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 388.
[37]
Vgl. Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher. Ein Roman aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen und
illustriert von Walter Moers, u.a. S. 443-445, 447-451 und S. 471-473.
[38]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 396 f.
[39]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 384.
[40]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 373-400.
[41]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 402.
[46]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 405.
[47]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 419. Für „[d]ie
ausgebrannten Erdtrichter, die neue Zugänge zum Labyrinth geschaffen haben“,
in: Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 78, hatte „sich im
Volksmund [...] in kürzester Zeit der Begriff Buchhaimer Rüssel durchgesetzt“. In: Ebd. Nachdem „[d]ie Buchhaimer Rüssel [...] offiziell zu
Verkehrswegen der Stadt ernannt [...] [wurden], was wiederum die Verwaltung vor
die Aufgabe stellte, ihnen Namen zu geben“, in: Walter Moers: Das Labyrinth der
Träumenden Bücher, S. 79, entschied man sich dafür, „ähnlich wie bei vielen
Buchhaimer Straßen, [...] die Namen von bekannten Dichtern“, in: Ebd., zu
verwenden.
[48]
Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 417.
[49]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 405-424.
[50]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 422-427.
[51]
Vgl. Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher, S. 429 f.
Genialität und Wahnsinn sind, jedenfalls wenn man sich an
Redewendungen und landläufige Vorstellungen hält, äußerst eng miteinander
verbunden – im Grunde scheint sie lediglich eine dünne Glasscheibe voneinander zu
scheiden. Die Beschaffenheit dieses trennenden Glases ist, wenn wir das Bild einer
direkten Beziehung von Genialität und Wahnsinn weiterhin bemühen, das
ausschlaggebende dafür, wie sich beide Seiten jenseits der gläsernen Scheibe
zueinander verhalten. Das Glas mag geschliffen, gesprungen oder spiegelnd sein und
ermöglicht, wenn versucht wird das hinter der Scheibe liegende Andere zu
betrachten, entweder eine stechend scharfe Sicht oder nur einen verzerrten Blick
oder aber die eigene Reflexion. Aber was geschieht – wenn wir die Scheibe
zerschlagen? Wird das eigene Sehen von der einen auf die andere Seite hierauf
ungehindert und unmittelbar sein oder aber durch das Funkeln der zu Boden
gestürzten Glassplitter geblendet werden.
Um diese Frage, die hier – mit diesem zugegeben etwas
überstrapazierten Bild – künstlich konstruiert wurde, zu beantworten, wird im
Folgenden erst auf das Genie, dann auf den Wahnsinn und schließlich auf die
Verbindung beider geblickt werden.
Ein gehaltvolles,
fiktives Werk gleicht einem gutgefüllten Geschirrschrank, denn erst durch das
gleichzeitige Nebeneinander von unterschiedlichen Dingen, entsteht ein
vielschichtiger Gesamteindruck, der durch seine Fülle verschiedenste Funktionen
abdeckt und hierdurch letztlich ein gekonntes Ganzes kreiert. Doch lasst uns
den Schrank öffnen, hineingreifen und ein Glas oder doch eine Tasse herausnehmen,
also eine bestimmte fiktive Figur, und betrachten wir im Fortgang nur dieses eine
Detail, dafür aber genauer. Genie
Oberflächig betrachtet scheinen viele fiktive Figuren nach
einem gewissen Muster, einer bestimmten Vorstellung, entworfen zu sein und sich
diesem Muster folgend in ihrer Befähigung zu einer Sache zu unterscheiden. Drei
solcher Figurentypen, sind der "gewöhnliche Mensch", das
"Talent" und das "Genie". Auf welche Weise diese
voneinander abweichen, wird wenn man sich die Definition eines Genies vor Augen
führt, deutlich.
Das Genie gilt seit dem 18. Jahrhundert als jene Figur,
deren schöpferisches Vermögen einmalige und zeitüberdauernde große Werke
hervorbringt; jedoch nicht auf dem Weg der strengen Übung und Bemeisterung von
vorgeschriebenen Regeln, sondern aufgrund der Einzigartigkeit seiner Natur und
der Originalität seiner Phantasie.[1]
Zuvor, noch bis zur Zeit der Renaissance[2]
wurde das Geniale "als Ausdruck [...] [einer] göttliche Inspiration
aufgewertet."[3] In
Aussagen wie "Drum gab dir Gott ätherisches Genie"[4]
wird dementsprechend beispielhaft die ältere Vorstellung, dass das Geniale des
Genies ihm von einer höheren Macht eingeflößt würde, artikuliert und diesem
somit eine besondere Form der Legitimation zuteil, die sich etwa auch in der Idee
findet, "Dichter würden von den Musen inspiriert"[5]
werden. Das Handeln des Genies wurde, etwa im Fall Giorgio Vasaris Biografie
über Leonardo da Vinci von 1550,[6]
derart beschrieben, "dass eine jede seiner 'Taten' als ein Geschenk Gottes
erscheint"[7], ja
die Genialität des Individuums nicht "durch menschliches Bemühen"[8]
erworben, sondern ein "Geschenk des Himmels und der Sterne"[9]
sei. Dieses "menschliche Bemühen" scheidet also das Genie, vom Talent
und das Talent wiederum von der "gewöhnlichen" Veranlagung. Jedoch
wurde bereits in dieser Biografie da Vincis zum Ausdruck gebracht, "dass
der schöpferische Mensch den anderen [zwar] göttlich erscheint, aber ganz und
gar Mensch ist"[10].
Dieser Vorstellung folgend wurden in Diderots und d’Alemberts Encylopédie, im Artikel über das Genie, der
entsprechende Band erschien erstmals 1757,[11]
"das Leben und die Werke des schöpferischen Menschen, etwa Leonardo da
Vincis, ihres göttlichen Glanzes"[12]
beraubt, womit "[d]as schöpferische Subjekt [...] nicht [mehr als]
'göttergleich' [gesehen], sondern ganz im Gegenteil unabhängig von
übernatürlichenEinflüssen und damit
autonom"[13]
verstanden wurde.
Schließlich war diesem gewandelten Gedankengut Rechnung
tragend "[i]n der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts [...] dem
schöpferischen Subjekt u.a. die Aufgabe übertragen worden, mit Dichterworten
den Mikrokosmos mit dem Makrokosmos zu versöhnen und den Lebenssinn zu stiften,
der bis dahin von Gottes Wort allein ausgegangen war."[14]
Durch diese Verständnisverschiebung war das Genie gewissermaßen sein eigener schöpferisch
begabter Gott geworden, wodurch sodann das Genie im allgemeinen Verständnis als
"stets originell in
seinen Leistungen"[15]
begriffen und wie folgt definiert wurde: Das Genie
schafft völlig Neues, löst Probleme, die für unlösbar
galten, gibt dem Gedankenkreise und den Bestrebungen seines Zeitalters einen
ganz neuen Inhalt oder neue Ziele und leitet so neue Epochen ein, während [hingegen]
das Talent sich in hergebrachten Bahnen bewegt, nach vorhandenen Mustern und
Methoden arbeitet[16]
und
hierbei Fleiß aufwenden muss, um etwas zu kreieren.[17] Dem
genialen Geist gelingt Großes dagegen unwillkürlich und unbewusst,[18] doch
isoliert dieses "Abweichen
von der Norm"[19],
von schlichten Talent, dieses über die Maßen begabte Individuum auch. So wird
das Genie
[i]nfolge seiner über den Anschauungskreis der
Zeitgenossen weit hinausgreifenden Ideen und der ungewöhnlichen Art seiner
Produktion [...] nicht selten von der Umgebung verkannt, verfolgt oder gar für
verrückt erklärt (Sokrates, Spinoza, Kolumbus, Papin, Stephenson, R. Mayer u.
a.). Deshalb sagt Lessing: »bei Lebzeiten und ein halbes Jahrhundert nach dem
Tode für einen großen Geist gehalten werden, ist ein schlechter Beweis, daß man
es ist«.[20]
Hier soll nicht weiter über die Vielzahl der genialen Köpfe
in fiktiven Werken geredet werden, von denen einige hier bereits abgebildet
worden sind, sondern sich stattdessen mit einem einzelnen konkreten Beispiel
befasst werden.
In der animierten Literaturanthologie Aoi Bungaku wird innerhalb von einer Folge die Geschichte Qualen der Hölle (Jigokuhen 地獄変)
des japanischen Schriftstellers Ryuunosuke Akutagawa adaptiert, deren Inhalt hier
nun kurz rekapituliert werden soll.
Yoshihide, der fähigste Künstler des Landes, soll, nachdem
er gerade ein liebliches Gemälde für den tyrannischen Herrscher Horikawa
anfertigte, dessen künftiges Mausoleum in ein kunstvolles Abbild seines Reichs
verwandeln. Angesichts der im Namen und im Auftrag Horikawas begangenen
Gräueltaten entschließt sich Yoshihide das Mausoleum zu einem wahrhaftigen
Abbildes des Landes und seiner Bevölkerung mit allem dort herrschenden Leid
umzugestalten und nicht zu jener vom herrschenden Horikawa gewünschten
Huldigung seiner Person. Yoshihide bringt diese selbstgewählte Aufgabe jedoch
an die Grenzen seiner künstlerischen Fähigkeiten, was ihn ins Straucheln bringt
und ihm kurzzeitig wahnhafte Züge verleiht. Schlussendlich, nachdem Yoshihide
seine eigene Tochter, die sich zuvor mit ihm den Anweisungen Horikawas
widersetzt hatte, auf einem Scheiterhaufen brennen sieht, entzündet sich an diesen
für seine Tochter tödlich infernalen Flammen der Geist Yoshihides derart, dass
er sein letztes Werk die Gestaltung des Mausoleums im genialen Rausch als jene
vollkommene Darstellung der Qualen der Hölle beenden kann.
brummli brummli brummli
meine Freunde, bevor es mit dem Wahnsinn hier weitergeht, wende ich mich währenddessen
ich diesen Blogeintrag editiere kurzerhand direkt an euch. Und warum auch nicht? Nachdem
wir gesehen haben, dass sich Genie und Talent durch eine unwillkürliche
Begabung unterscheiden und wie garstig die Welt sein kann, lasst mich ehe wir
mit dem eigentlichen Beitrag voranschreiten noch ein paar Sätze eines Nachworts
Friedrich Dürrenmatts zitieren:
1. Ich gehe nicht
von einer These, sondern von einer Geschichte aus. 2. Geht man von
einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden. 3. Eine Geschichte
ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen
hat. 4. Die schlimmst
mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein. 5. Die Kunst des
Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam
einzusetzen. 6. Träger einer
dramatischen Handlung sind Menschen. 7. Der Zufall in
einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem
begegnet. 8. Je planmäßiger
die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. 9. Planmäßig
vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie
immer dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels
erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B.
Ödipus). 10. Eine solche
Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig). 11. Sie ist paradox. 12. Ebenso wenig wie
die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden. 13. Ebenso wenig wie
die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden. 14. Ein Drama über
die Physiker muss paradox sein. 15. Es kann nicht
den Inhalt der Physik zum Ziel haben, sondern nur ihre Auswirkungen. 16. Der Inhalt der
Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen. 17. Was alle angeht,
können nur alle lösen. 18. Jeder Versuch
eines Einzelnen, für sich zu lösen ,was alle angeht, muss scheitern. 19. Im Paradoxen
erscheint die Wirklichkeit. 20. Wer dem
Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus. 21. Die Dramatik
kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht
zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu überwältigen.[21]
Und damit geht es
auch schon weiter, mit dem Wahnsinn.
Wahnsinn
Dieses neue Verständnis von Genialität, dass das schaffende
Selbst als autonom von göttlichen und gesellschaftlichen Einflüssen verstand, und
auf der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts gründete, brachte nicht nur einen
Innovationszwang, in Abgrenzung zu den seit der Antike bestehenden Konzepten
von Imitatio und Aemulatio mit sich, wenn etwas neu Geschaffenes als genial
gelten sollte, sondern bedingt zugleich "das Abweichen von der Norm"[22]
und damit einhergehend die mögliche Isolation des Individuums und die Furcht
der Gesellschaft vor diesem Anderen. Oder trefflicher formuliert:
Autonomie des schöpferischen Subjekts, das hieß ja
nicht bloß Unabhängigkeit und Emanzipation von den gesellschaftlichen
Beschränkungen und Bedingtheiten. In der Konsequenz dieser Konzeption lag
ebenso Isolation des schöpferischen Menschen, die "Einsamkeit" des Dichters,
Melancholie, Weltverlust und, im schlimmsten Falle, Wahnbildung und Wahnsinn im
Abseits einer allen anderen unzugänglichen Sonderwelt. Damit stand zugleich die
normale Lebensfähigkeit des Künstlers in Frage. Nach dem Vorklang des "Werther", der die Selbstverfallenheit des neuen Subjektivismus als eine
ausweglose "Krankheit zum Tode" darstellt, hat Goethe im "Tasso" diese
Problematik als spezifische Künstler-Problematik gestaltet. [...] Der 'Tasso'
bildet in jeder Beziehung den Scheitelpunkt in der Entwicklung der neuen
Anschauung vom Dichter und vom Künstler überhaupt, die mit der
Literatur-Revolution des 18. Jahrhunderts aufgekommen war. Denn einerseits
beharrt dieses Werk noch auf dem Eigenwert künstlerischer Existenz und auf der
schlechthin idealen Schöpfungskraft, die dem Genie zukommt; andererseits
thematisiert es bereits den Zusammenstoß mit der Lebensrealität, wie besonders
das Verhältnis zur Gesellschaft zeigt. Beide Sphären, die der Kunst und die der
Lebenswirklichkeit, können ihr Recht behaupten. Daraus ergibt sich der
tragische Konflikt – ein Konflikt, der Epoche macht. Denn diese unaufhebbare "Disproportion des Talents mit dem Leben" wird nicht nur die ganze Romantik
bestimmen, am deutlichsten E. T. A. Hoffmanns mit dem Leben verzweifelt
zerfallene Künstlerexistenzen; sie zieht sich in vielfältigen Formen [...] bis
ins 20. Jahrhundert[23]
und zeigt hierbei, dass "[a]us
dem innersten Bezirk der Kunst [...] die Gefahr des Wirklichkeitsverlusts"[24] zu erwachsen scheint.
Welches
Werk könnte diesen Konflikt besser greifbar werden lassen, als Osamu Dazais
Roman Gezeichnet? Als Animevariante
ist der Stoff um den Protagonisten Youzo Ouba, dessen mangelnde Empathie ihn
einerseits in eine weltabgewandte Isolation und andererseits in Angst,
Schuldgefühle und Alkoholismus führt, in den ersten vier Folgen von Aoi Bungaku zu finden. Ein anderes
bekanntes Beispiel dürfte der Wahnsinn des Doktor Steins im Anime Soul Eater sein.
"Das
abnorme Verhalten [sogenannter 'Geisteskranker'] wirkte [in früheren Tagen
deshalb] beängstigend, weil es für [die] geistige[n] Krankheitszustände keine
rechten Erklärungen gab, meistens gab es einen Wust aus religiösen,
abergläubischen und körperlichen Deutungsversuchen"[25],
die aber nichts erklärten. Zuvor war
Irresein [...] stets ein Zustand religiöser
Bedeutung gewesen, einmal als Stigma von Seherinnen wie Kassandra, einmal als
Zeichen dämonischer Besessenheit wie in der Bibel. In jedem Fall schrieb man
der Krankheit eine Verbindung zu anderen Welten zu, einen Kontakt mit dem
Übersinnlichen, das zukünftige oder verborgene Kenntnisse vermitteln konnte.
Mit dem Verlust des allein selig machenden Glaubens durch die Kirche und das
Christentum verlor auch die Verrücktheit ihre metaphysische Bedeutung, sie
wurde eine profane Krankheit, die zwar noch unheimlich war, aber nicht mehr so
einfach ritualisiert werden konnte, d.h. durch Wallfahrten, Ekstasen oder auch
Exorzismen auf einen festen Platz in der Welt verwiesen wurde. Nun wirkte sie
nur noch störend, gerade weil sie auf den Werteverfall hinwies und die mühsam
erhaltenen Normvorstellungen zu verhöhnen schien. Auch die Naturwissenschaften
konnten hier ihr unausgesprochenes Versprechen, für neue Lösungen und Werte zu
sorgen, nicht einhalten. Den Hysterikern, Depressiven, Schizophrenen usw., die
damals für den Laien ein und dieselbe Kategorie Geisteskranker bildeten, war
weder mit Eisbädern noch mit Elektroschocks oder Schlafentzug auf Dauer
beizukommen.[26]
Hallo, ich noch einmal.
Beim Korrekturlesen. So unschön diese Schilderungen auch gewesen sein mögen, so
wichtig sind sie rückblickend leider auch. Ich überspringe hier ein paar vorher
aufgenommene Sätze und versuche es anders, denn der Wahn hat ja nicht nur seine
schlechten Seiten, nicht wahr? Der Sprung im Glas macht dieses schließlich
einzigartig. Aber lasst mich ein besseres Beispiel geben als gesprungenes Glas.
Wenn ich etwa einen Handstand mache und dadurch auf dem Kopf stehe, dann steht
für mich und meine Wahrnehmung, wenn ich dann mit meinen Füßen an der Wand lehne
und mich umsehe gleichfalls die ganze Welt auf dem Kopf, nicht wahr? Und dann
stellt sich doch die Frage, wer steht denn dann eigentlich auf dem Kopf? Ich
oder die Welt? --- Weiter mit dem Eintrag...
"Der 'Wahnsinn' kann demnach und von einer anderen
Perspektive aus auch als eine 'andere Vernunft', d.h. die Logik des
Andersempfindens aufgefaßt werden. Zugleich aber bietet diese Andersartigkeit
auch die Möglichkeit zu einer gesteigerten Selbst- und Welterfahrung, denn das
Künstlertum und der Wahnsinn bilden beiden, die übersteigertste Form der
Einbildungskraft, denn der Wahnsinn kann als 'Zustand eines veränderten,
höheren Bewußtseins' und damit als dem inspirierten Zustand des Künstlers
nahestehend interpretiert werden."[27]
Was etwa am Beispiel von Yoshihide und seiner Sicht auf die Wirklichkeit im
angeführten Qualen der Hölle deutlich
geworden sein dürfte.
Genie und Wahnsinn
Die
Redewendung "Es ist ein schmaler Grat zwischen Genie und Wahnsinn"
findet sich nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen, so auch
im Japanischen (天才と狂人は紙一重 bzw. 馬鹿と天才は紙一重).
In
Meyers Großes Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1907 heißt es: Es ist "der Versuch gemacht worden, eine
Verwandtschaft zwischen G[enie] und Wahnsinn wissenschaftlich nachzuweisen, von
der schon Platon (der »göttliche Wahnsinn« der Dichter), Aristoteles und neuere
Schriftsteller (Schopenhauer) andeutungsweise sprechen."[28]Weiter ist dort zu lesen,
dass tatsächlich auffällig sei, "daß eine ganze Menge genialer
Menschen dem Wahnsinn verfielen (Tasso, Swift, Lenau, Donizetti, Schumann,
Haller, Comte, Nietzsche), während andre durch ihre Absonderlichkeiten dessen
Grenze streiften (Byron, Rousseau, der alternde Newton u. a.). Anderseits hat
man beobachtet, daß bei Irren bisweilen geistreiche Gedankenblitze und poetische
Fähigkeiten hervortreten"[29], was auf eine
Aussage Arthur Schopenhauers rekurriert.
"Die oft bemerkte Verwandtschaft des Genies mit
dem Wahnsinn", sagt Schopenhauer, "beruht eben hauptsächlich auf
jener, dem Genie wesentlichen, dennoch aber naturwidrigen Sonderung des
Intellekts vom Willen." Als Prototyp dieses aufgrund seiner Genialität zum
Wahnsinn disponierten Künstlertums gilt Schopenhauer Goethes Tasso. Auch auf
die alten Topoi vom Dichterwahnsinn beruft er sich. Andererseits berichtet er
naturalistisch von seinen Besuchen in Irrenhäusern. Dort habe er "einzelne
Subjekte von unverkennbar großen Anlagen gefunden", "deren Genialität
deutlich durch den Wahnsinn durchblickte".[30]
In Schopenhauers Ausführungen jedoch erscheint "Wahnsinn
[...] nicht mehr bloß als tragische Konsequenz genialen Künstlertums. Er wird
selbst als 'Kunstwerk' ausgebeutet. [...] Hat das Genie ursprünglich eine
verhängnisvolle Affinität zum Wahnsinn – was die Psychiatrie des 19.
Jahrhunderts wissenschaftlich untermauerte –, so erhält nun der Wahnsinn an
sich schon etwas vom Glanz des Genialen."[31]
Und hier reihte sich
wieder mal Zitat an Zitat. Also warum nicht noch eines mehr? So schrieb der
gute Wieland: "Ein Wahn, der mich beglückt, ist
eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt", was aber jetzt
nicht unbedingt etwas mit dem zuvor Gesagten zu tun hat. Oder etwa doch? Aber: "Jeder spinnt auf seine Weise – der eine laut, der
andere leise." Das war übrigens Ringelnatz und damit weiter mit dem Blogeintrag.
Der historische Rückblick zeigt, dass "[s]chon
Aristoteles [...] betont[hatte], daß
alle, die als Künstler, Philosophen, Dichter oder Staatsmänner Großes leisten,
zur Melancholie neigen, die auf einem Übermaß an schwarzer Galle beruht und
sowohl Künstlern wie Wahnsinnigen eigen ist. Obgleich Platon zwischen
schöpferischer und klinischer mania unterschied, hielt sich der Topos von
'Genie und Wahnsinn' bis in unser Jahrhundert." Selbstverständlich muss
darauf hingewiesen werden, dass "die Spannbreite melancholischer
Befindlichkeit gewaltig [ist]. Aristoteles (und mit ihm Seneca) betrachtet
deshalb die der Melancholie zuneigenden Künstler keinesfalls per se als
seelisch krank, sondern aufgrund ihrer Sensibilität als gefährdet, als zur
Exzentrik disponiert. Doch nicht der Absturz in die Krankheit siegt am Ende,
sondern die künstlerische Leistung".[32]
Immer wieder entsteht durch neue Erfindungen, durch
wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, wenn man so will, die von
genialen Zeitgenossen ersonnen wurden, und durch wahnhaftes Handeln ihrer
Person, häufiger jedoch anderer, eine verhängnisvolle Gefahr für die Menschheit
oder aber die Welt an sich. Shingodzilla,
Patlabor, Steamboy, Darling in the
Franxx, Prinzessin Mononoke oder Nausicaä wären einige fiktive Exempel
hierfür.
Ein anderes Beispiel für mögliche Verschränkungen von
Genialität und Wahnsinn unter vermeintlich wissenschaftlichen Vorzeichen zeigt
sich in animierter Form und gerade dort in der Abkehr von den Werten der
restlichen Gesellschaft, an der Chimärenerschaffung Shou Tuckers in Fullmetal Alchemist. Die Entdeckung
seiner grauenhaften Experimente und was diese letztlich Bedeuten lässt ...
flusch kata
ballubasch zack hitti zopp zack hitti zopp hitti betzli betzli prusch kata
ballubasch fasch kitti bimm. Dieser Teil ist jetzt doch etwas langatmiger geworden
als vorab gedacht, deshalb streiche ich hier einfach rigoros einige Zeilen,
damit wir dann gleich wirklich zum eigentlichen Punkt des Beitrags kommen
können.
"Die bisher vorliegenden Studien zeigen, dass nicht
alle psychischen Störungen mit hoher Kreativität einhergehen. Vielmehr wirkt
die Veranlagung zu bipolarer Störung und Schizophrenie positiv."
Dementsprechend werde "die früh entstandene Annahme einer besonderen Nähe
zwischen 'Genie' und 'Wahnsinn' im Sinne einer konvergierenden Evidenz durch
moderne epidemiologische und auch genetische Untersuchungen gestützt. Aus
klinischen Beobachtungen ist klar ersichtlich, dass der Ausbruch einer
psychischen Erkrankung für die Betroffenen oftmals schwere berufliche Nachteile
zur Folge hat. Und auch die Kreativität selbst ist während einer psychischen
Erkrankung des Öfteren eingeschränkt. Dazu passen Befunde, die eher einen
Zusammenhang zwischen Kreativität und der Veranlagung zur psychischen Störung
sehen als zwischen Kreativität und psychischer Störung selbst."[33]
Das Ende der Genialität
Wenn allerdings der technische beziehungsweise
wissenschaftliche Fortschritt selbst eine Bedrohung für die Ordnung der Welt,
ja die Welt selbst darstellt, gerade dann, wenn diese Neuerungen den falschen
Leuten in die Hände geraten, wäre es dann nicht besser, wenn es diese neuen
Erfindung nicht gäbe, wenn diese neue Entdeckung nie gemacht worden wäre? Und
so scheint es für jene, die sehenden Auges das aufziehende Unheil erahnen, nur
die Möglichkeit des eigenen Handelns zugeben, um Schlechtes zu verhindern. Im
Falle des Großvaters in Steamboy, der
sich gegen seinen Sohn wendet, da er erkennt, welche fatalen Folgen ihre
gemeinsame Erfindung haben könnte, ist dem so, in anderen Fällen, wenn es das
Wissen an sich ist, von dem aus die Gefahr ausgeht, scheint es hingegen nur den
einen Ausweg zu geben, dieses Wissen vor der Welt zu schützen und wenn dieses
Wissen im eigenen Kopf sitzt, dann bleibt, jedenfalls erwächst dieser Eindruck,
nur die Möglichkeit die eigene Genialität zu leugnen, sich aus den
Verflechtungen jedweder Abhängigkeit zu befreien und sei es dadurch, dass man
den Wahnsinnigen spielt. Ein doch eher bekanntes Exempel hierfür ist Rintarou
Okabe in Steins;Gate, der sich als
verrückter Wissenschaftler Hououin Kyouma ausgibt.
Doch leider lehrt uns Friedrich Dürrenmatts Theaterstück Die Physiker, dass selbst die Flucht des
genialen Physikers in den vermeintlichen Wahn und genauer in eine
psychiatrische Anstalt keine Lösung ist.
Ein letztes Mal
unterbreche ich diesen Blogeintrag hier seinem Fortgang. Wer sich mehr mit der
von der Welt aufgeworfenen und von Dürrenmatt in seinem Stück gestellten Frage
beschäftigen möchte, dem empfehle ich Werner Heisenbergs kurzen Text "Über
die Verantwortung des Forschers". Aber deshalb pausiere ich diesen Beitrag
nicht, sondern um zu fragen, was wir aus alle dem lernen können. Und was lernen
wir daraus? Vielleicht das der Verrückte doch immer nur die eigene Person ist? Vielleicht
auch nicht? Ich weiß auch nicht. Vielleicht sollten wir noch einmal in den
Spiegel sehen? – brummli brummli brummli
brummli brummli brummli brummli brummli – Wir Menschen
haben uns die Erde untertan gemacht und uns selbst zum Maß aller Dinge erhoben.
Wir haben Kultur gegen Natur gestellt und versucht das große Ganze nach unseren
Vorstellungen zu verändern. Unser Umfeld nach unseren Wünschen konstruiert. Der
decartschen Trennung von Geist und Körper folgend hat sich unser Denken und
Handeln in konsumistische Hypothesen verabschiedet und scheint jeden Bezug zur
Realität zu verlieren. Unsere Hybris besteht darin, dass wir zu glauben
scheinen, dass wir Veränderungen nur durch Wunschdenken erzielen können und das
wir selbst – gottgleich – die Macht haben durch das Leugnen einer Sache diese
aus der Welt zu schaffen. Dass wir in dieser Hinsicht fast alle an einem
kollektiven Größenwahn erkrankt sind, dazu muss man nicht einmal ausholen,
unser Handeln tötet mitunter und wir wissen es und wir verändern dennoch nichts
Wesentliches. Ich meine, wenn man schon in der Psychologie Heute – der Psychologie
Heute – Aussagen wie die folgende lesen kann, was sagt das über den allgemeinen
Eskapismus?
Sehen Sie: Wenn
wir in unserem Größenwahn glauben, wir könnten die seit dem industriellen Zeitalter
begonnene Zerstörung unserer Lebensgrundlage noch stoppen, reicht es zu bedenken,
dass seit 1970 allein in Großbritannien über die Hälfte der dort noch verbliebenen
Wildtiere durch menschliches Handeln umgebracht wurde. Seit Jahrzehnten können wir
beobachten, in welcher selbstzerstörerischen Gefahr wir als Spezies schweben. Das
Endspiel ist frei nach Beckett längst angepfiffen. Unser Verschwinden von dieser
Erde ist nicht aufzuhalten. Der berühmte Physiker Stephen Hawking sieht das nicht
anders. Trotzdem glauben die meisten Leute: Es wird schon irgendwie weitergehen.
Das ist für mich der verheerendste Größenwahn.[34]
Aber es scheint sich
ja etwas zu tun, Einige scheinen begriffen zu haben, dass man nicht einfach so
ohne Gegenwehr dem eigenen Ende[35]
entgegengehen muss, was dem französischen Soziologen Bruno Latour folgend unter
anderem an Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen lag, da dieser Schritt
aller Welt die Handlungsunfähigkeit der internationalen Politik deutlich vor
Augen geführt habe.[36]
Aber zur Wahrheit gehört
auch jene Aussage, die bereits im Mai 2018 im Deutschlandfunk zum Kampf gegen
die Erderwärmung zu hören war:
'Eigentlich gibt ja
keiner zu, dass es schon fünf nach zwölf ist. Es ist eher erstaunlich, dass es
seit 30 Jahren immer fünf vor zwölf ist. Die Erzählung ist immer: Wir sind an
einer Wegscheide, wir können es noch schaffen, aber wir müssen jetzt wirklich
anfangen und viele in der Politik wundern sich, warum es ständig fünf vor zwölf
ist.'[37]
Und wer weiß,
vielleicht lässt sich bei sofortigen Änderungen das Schlimmste ja tatsächlich noch
verhindern.[38]
- Ich meine negative Emissionen ab 2050,[39] wer
denkt sich so etwas aus?
Aber zurück zu einem
fiktiven Werk, in dem die kommende Zerstörung der Welt zwar vom Einzelnen
erkannt, aber nicht aufgehalten werden konnte. Einem postapokalyptischen Werk,
wie man so schön sagt. Ich frage mich jedoch, haftet dem Begriff postapokalyptisch
nicht auch eine gewisse Form des Wunschdenkens an, nämlich dass es nach der
Apokalypse ein später geben wird? Aber wahrscheinlich können wir uns die Welt
ohne Menschen gar nicht vorstellen. Wer weiß? Und natürlich gib es solche
Vorstellungen, die Erde ohne den Menschen, man muss nur ein Buch wie "Die
Welt ohne uns" lesen, um dies zu sehen. Aber ich schweife ab. Vielleicht,
ja vielleicht... mmmmh, wer weiß.... also, wenn unsere Füße uns nicht ans Ziel
führen, vielleicht ist es ja dann an der Zeit auf den Händen zu laufen.
Vielleicht geht es dann ja weiter. Wo ist denn überhaupt jetzt dieser
Spiegel... ach, was soll's aus dem Augen, aus dem Sinn und weiter mit diesem Beitrag.
Es gibt einen Anime, der all das bisher hier Geäußerte in
seiner gesamten widersprüchlichen Vielschichtigkeit in sich birgt und auf
interessante Weise ausstellt. Die literarische Vorlage dieses Werks der Roman The incredible tide von Alexander Key
aus dem Jahre 1970 entstand aus der Situation und dem Verständnis des
"Kalten Kriegs". Für die 1978 veröffentlichte Animefassung dieses
Stoffs die den Titel Mirai Shounen Conan
oder auch Future Boy Conan trägt, war
jedoch noch ein anderer Umstand wesentlich. Denn man erkennt, wenn man Future Boy Conan mit den anderen Werken
vergleicht, die Hayao Miyazaki und Isao Takahata in dieser Zeit produzierten,
sei es Heidi 1974, Anne mit den roten Haaren 1979 oder Nausicaä 1984, dass all diesen Werken
eine ähnliche Thematik zugrunde liegt. Die Bedrohung der Welt durch die Menschen
und das Leben mit der Natur als Lösung angesichts dieser Bedrohungen. Dieses
Plädoyer für den Schutz der Welt und ein Leben der Menschheit im Einklang mit
der Natur, findet sich in der Mehrzahl der Filme der beiden Mitbegründer des
Studio Ghiblis, wie beispielsweise in Prinzession
Mononoke, Ponyo, Pompoko und vielen weiteren von ihnen
geschaffenen Titeln.
Die Veröffentlichung von Grenzen des Wachstums 1972 des Club of Romes könnte zeithistorisch
ein Katalysator für die Wichtigkeit des Naturschutzes gewesen sein, der die
beiden Regisseure und ihr künftiges Schaffen nachhaltig prägte. Die Figuren in Future Boy Conan werden denn auch
mehrfach, bei weitem ausführlicher als im Roman, vor noch nicht unmittelbar
erkennbaren Katastrophen gewarnt, die jedoch ein ums andere Mal von der
Mehrheit ungehört eintreten. Die Art und Weise wie diese Wahrungen mit den sich
hierauf anschließenden Auswirkungen inszeniert werden, erinnert stark an eine
Passage aus dem Bericht des Club of Romes, die in der deutschen Ausgabe auf
Seite 164 abgedruckt ist und wie folgt lauten: "Wenn die Menschheit
wartet, bis die Belastungen und Zwänge offen zutage treten, hat sie – wegen der
zeitlichen Verzögerung im System – zu lange gewartet."[40]
Diese vor fast fünfzig Jahren formulierte Wahrung wird gewissermaßen zur
Prämisse des Animes und zwar entgegen der ursprünglichen Romanhandlung, die als
neusintflutliche Erzählung den Lesern nur den Glauben an Gott und das Vertrauen
auf die innere Stimme Gottes offeriert. Dass diese christlich religiösen Bezüge
im Anime größtenteils gestrichen und teils durch wissenschaftliche Vorstellung
ersetzt, dass die Welt und vor allem die Figuren sowie die Handlungen im Anime
im Unterschied zum Roman liebevoll ausstaffiert und auffallend ausgebaut wurden,
erinnert an ähnliches Vorgehen Miyazakis und Takahatas im Fall von Heidi.
Da ich davon ausgehe, dass die meisten von euch Future Boy Conan noch nicht gesehen
haben, was ihr unbedingt tun solltet, bleibe ich im Folgenden äußerst Vage.
Es gibt in Future Boy
Conan einige wenige Figuren, die imstande sind telepathisch miteinander zu
interagieren, ein Überbleibsel der inneren göttlichen Stimme aus dem Roman,
dass als solches klar die alten Genievorstellungen der Einflussnahme einer
höheren Macht auf bestimmte Auserwählte enthält. Es gibt jene großen Erfinder,
deren Wissen nicht in die falschen Hände geraten soll und die vor der nahenden
Katastrophe zu fliehen versuchen. Es gibt von Machtgier besessene Anführer, es
gibt autonom und allein aus sich selbst heraus Großes vollbringende Figuren,
Figuren, die als verrück bezeichnet werden, weil sie von der Norm abweichen,
und es gibt Figuren, die in ihrer Realitätsfluch das drohende und sie
schließlich vernichtende Unheil nicht wahrhaben wollen. Und dass ist im Grunde
nur der fünfminütige Rückblick, auf alles was geschah, bevor die eigentlich
Handlung des Animes einsetzt und all diese Elemente neuerlich miteinander
mischt.
Nachdem wir mit durch das geschliffene Glas geschärftem
Blick auf Genie und Wahnsinn, mit flüchtig verzerrter Sicht auf einige
Animeserien und hierbei die spiegelnden Reflexionen der Wirklichkeit gesehen
haben, kann dieser Blogeintrag nur das Vorwort des Romans The incredible tide zitierend enden: "An einen unbekannten
Menschen [...] wahrlich was hier geschrieben steht ist bereits passiert. Es
liegt an uns allein, ob dies eine Erinnerung oder eine Prophezeiung ist."[41]
[1]
Gabriele Brandstetter: Genie - Virtuose - Dilettant, S. 9.
[2]
Vgl. Peter Brockmeier: Innovation und Destruktion in der Genieästhetik, S. 98.
[17] "Das
Talent ist sich seiner selbst bewußt, es weiß, wie und warum es zu gewissen
Schlüssen gelangt, mit sorgfältigem Fleiß berechnet es die Mittel zum Zweck und
kombiniert die Einzelheiten zum Ganzen; das G. schafft unwillkürlich und
unbewußt, es kämpft zwar oft lange unter den Geburtswehen der neuen Ideen,
schließlich aber treten diese Ideen unvermittelt, ungesucht und wie zufällig
fertig vor die Seele." In: Ebd.
[38] Vgl.
u.a. https://www.youtube.com/watch?v=z3EoCKgzLo4 und
https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-
05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg, am 09.06.2019.
[39] Vgl.
u.a.
https://www.deutschlandfunk.de/klimawandel-und-kuenstliche-baeumenegative.676.de.html?dram:article_id=439011,
https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/research-in- context/details/news/negative-emissionen-gegen-die-erderwaermung-zu-optimistisch-gerechnet/
und https://www.klimareporter.de/erdsystem/mysterioese-negative-emissionen, am
09.06.2019.
[40]
Dennis Meadows (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Romes zu
Lage der Menschheit, S. 164.