Ob als zentrales Motiv oder als vage Andeutung im Hintergrund, Vögel sind in einer Vielzahl von Gemälden und Bildnissen, gleich aus welcher Zeit diese stammen, zu finden. Im jeweiligen Bild können sie eine einfache Staffage oder aber ein komplexes mythologisches beziehungsweise religiöses Symbol sein. Um diese Vielschichtigkeit ihrer Bildsprache exemplarisch für zumindest einige Vogelarten zu erläutern, werden dieser und zwei weitere Gastbeiträge insgesamt neun Vögeln etwas genauer auf ihr Gefieder schauen. - picti mundi -
Der Pfau in der Bildenden Kunst
„Der schönste Vogel auf Erden ist der Pfau“1, schreibt der Zoologe Bernhard Grzimek über jenen Vogel, der seit Jahrtausenden von den Menschen in unterschiedlichster Weise in Religion und Kunst rezipiert wird. Sein auffallendes und außergewöhnlich prachtvolles Aussehen verlieh ihm seit jeher eine besondere Beachtung durch den Menschen und so bediente man sich nicht nur seinem schönen bunten Gefieder, sondern versah ihn ebenso mit den unterschiedlichsten Symbolen. Diese Vielfalt an Motiven soll im Folgenden genauer betrachtet und die Symbole sowie ihre kulturelle Verbreitung aufgezeigt werden.
In der Antike war das mythologische Denken und die Tierwelt stark mit den Göttern verknüpft. Der Pfau, der zirka im 8. Jahrhundert. v. Chr. über Mesopotamien auf dem Seeweg in den Mittelmeerraum gelangt, wurde in den folgenden Jahrhunderten von den antiken Kulturen dieser Regionen ebenfalls in die Symbolik und Bräuche integriert.4 In der griechischen und römischen Mythologie ist der Pfau Attribut der Hera bzw. Juno und wird in verschiedenen antiken Erzählungen aufgegriffen. So beispielsweise in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid (1. Jh. n. Chr.), der in seinem Werk über die Geschichte der römischen und griechischen Mythologie berichtet: […] „Im wendigen Wagen fährt in den klaren Äther Juno, gezogen von bunten Pfauen“ […].5 Hier wird die Verbindung zwischen Göttlichkeit und Pfau, der als Attribut jener Göttin dient, sehr deutlich, ebenso die Verbindung zu Luftraum und Himmel, sodass hier die Grundlage für die Verwendung dieses Motivs zu jener Zeit und den folgenden Jahrhunderten geliefert wird.
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Loves, Rages and Jealousies of Juno von Giulio Bonasone |
Die Symbolik des Pfaus in Christentum und Mittelalter ist hauptsächlich durch die Bibel geprägt und wird in diesen Jahrhunderten durch verschiedene Schriften ergänzt, wie dem Physiologus, einer frühchristlichen Naturlehre sowie anderer Schriften, die im Folgenden noch behandelt werden. In der Bildenden Kunst werden bereits im frühen Christentum im sakralen Bereich verschiedene Symbole verwendet und so sind die wichtigsten Verse die alttestamentlichen Schriften im Buch der Könige zu finden (1 Kön 10, 22). Hier heißt es beispielweise: „Denn der König hatte Tarsisschiffe, die auf dem Meer zusammen mit den Schiffen Hirams fuhren. Diese kamen in drei Jahren einmal und brachten Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen“.8 Hier gilt er als Statussymbol wie Gold, Silber oder Elfenbein und versinnbildlicht den Reichtum König Salomos. Im Physiologus wird der Pfau wie folgt beschrieben:
Der Pfau ist der hübscheste unter allen Vögeln des Himmels. […] Er geht umher, sieht sich selbst mit Freude an und schüttelt sein Gefieder, spreizt sich und blick hochmütig um sich. Wenn er aber auf seine Füße sieht, wird er ärgerlich aufkreischen, denn es entsprechen seine nicht seinem sonstigen Aussehen. So auch du Christenmensch, wenn du deine Aufgaben siehst und das Gute, das du hast, freue dich von Herzen und jauchze in deiner Seele. Wenn du aber deine Füße siehst, das sind deine Fehler, rufe klagend zu Gott und hasse die Ungerechtigkeit wie der Pfau seine Füße, damit du vor dem Bräutigam gerecht erscheinst.9
Auch hier wird sein besonders prächtiges Aussehen hervorgehoben, jedoch auch schon die Grundlage geschaffen, für die in späterer Zeit häufig gebräuchliche Verbindung des Pfaus mit den Lastern und der Eitelkeit. Erweitert wird die Glaubensvorstellung und die daraus resultierende Symbolik durch die Naturlehre des römischen Schriftstellers Plinius (1. Jh. n. Chr.), der in seinem Werk die Widergewinnung des Gefieders im Frühling als „renascitur“, also als Wiedergeburt bezeichnet und ihn in der Kunst ebenso im Zusammenhang im himmlischen Paradies verortet und zum Sinnbild ewigen Lebens führt.10 Auch führte man seine Unsterblichkeit auf die Konsistenz seines Fleisches zurück. So berichtet der Heilige Augustinus (5. Jh. n. Chr.) in seiner Schrift „Vom Gottesstaat“ von seiner Erfahrung mit Verzehr und Verderblichkeit des Pfauenfleisches. Seiner Erfahrung nach sei dieses unverderblich und könne wochenlang aufbewahrt werden, ohne zu verwesen.11 Beispiele dieser Interpretationen in der Bildenden Kunst finden sich aus frühchristlicher Zeit zu genüge, denn diese Symbolik wurde zu einem beliebten Thema auf Fresken und Reliefs in Katakomben, als auch auf Darstellungen von Sarkophagen.12 Betrachtet man sich hierzu die Verwendung dieses Motivs, fällt auf, dass der Pfau meist paarweise auftritt, möglicherweise um Tod und Auferstehung gegenüberzustellen. Auch ist der christliche Zusammenhang oft deutlich herausgestellt, wie die zahlreiche Verwendung von Christusmonogrammen und anderer christlicher Symbole deutlich macht. Mit der Zeit wurde der Pfau in der Ikonographie zunehmend im Zusammenhang mit dem Wasser des Lebens dargestellt und findet sich in kirchlichen Reliefs, aber auch in Baptisterien oder auf Darstellungen der Eucharistie.13 Im Laufe des Mittelalters wurden auch zunehmend Schriften der Evangelien aufgegriffen, so war bereits im 13. und 14. Jahrhundert die Verkündigungsszenerie ein geläufiges Thema in Kunst und Buchmalerei. Auch war es nicht zwingend einen Pfau vollständig abzubilden, sondern es konnten durch Andeutungen seine Anwesenheit generiert werden, die so seine Symbolik repräsentierten. Beliebt waren hierbei die Schwanzfedern des Pfaus, die sicherlich der auffallendste Bereich seines Gefieders sind und auch in Spätmittelalter und Renaissance sehr häufig in Erscheinung traten. Seinen Ursprung hat dieses Motiv sicherlich in der liturgischen Verwendung als „flabellum“, ein Pfauenfächer der die Vieldeutigkeit des Pfaus repräsentieren sollte und in Zusammenhang mit Macht und Würde stand, aber auch mit Gesten der Anbetung verbunden war.14
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Johannes op Patmos Saint John on Patmos von Hieronymus Bosch |
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Verkündigung von Carlo Crivelli |
Weitaus profaner nutzten Peter Breugel und Willem Pietersz Buytewech die Darstellung des Pfaus in ihrer Kunst. Breugel war beispielweise angeblich der Meinung, man könne die Allegorie des Geschmacksinns nicht überzeugender darstellen, als durch einen prächtigen Pfauenbraten.19 Diese Auffassung findet sich auch in seinem Gemälde „Der Geschmackssinn“ von 1617 wieder. Hier ist deutlich eine reich gedeckte Tafel zu erkennen, die mit den unterschiedlichsten Speisen versehen ist, darunter auch ein Pfau der an seinen Federn zu identifizieren ist. Im Vordergrund des Bildes, am unteren rechten Rand, ist ebenfalls ein Pfau zu sehen der auf einer Ansammlung, wahrscheinlich toten Gefieders, liegt. Weniger martialisch erscheint hingegen das Werk „Gesellschaft im Freien“, um 1616/17 von Buytewech, welches durch seinen Titel bereits vermuten lässt, dass es sich um eine Zusammenkunft höfischer oder adeliger Personen handelt. Auch hier sind auf einer Tafel verschiedene Mahlzeiten dargestellt, der Pfau tritt aber deutlich auffälliger in Erscheinung, da er das einzige Tier auf dem Bankett ist. Der Hintergrund dieser Pfauensymbolik ist sicherlich seine Schönheit, aber auch die Tatsache, dass er in der Antike, aber auch in Mittelalter und Moderne noch beliebte Mahlzeit war, wie Koch- und Rezeptbücher dieser Epochen verraten.20
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La Grande Odalisque von Jean Auguste Dominique Ingres |
Im Jugendstil um 1900, dient er dann nicht mehr nur in der Malerei und Plastik als gern verwendetes Motiv, sondern auch als dekorative Möbelapplikation oder als Malerei auf Vasen, Glasarbeiten oder anderen Gefäßen aus Keramik. Er steht in dieser Zeit vor allem für Luxus und seine Symbolik reicht bis in die Erotik als Begleiter der Frau die in Erscheinung der „Femme fatale“, für die Versuchung, sündiger Begierde und Lüsternheit steht.22
Der Distelfink in der Bildenden Kunst
Schon in der Antike wurde in naturkundlichen Werken die Existenz dieses Finken erwähnt. Nach den Beschreibungen des römischen Autoren Aelian (2./3. Jahrhundert), leitet sich die Herkunft des Distelfinken etymologisch von der Akanthuspflanze, einer Distelart, ab von der der Distelfink sich ernährt.23 Auch der römisches Schriftsteller Isidor (6. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt den Vogel im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme durch Dornen und Disteln.24
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Distelfink von Carel Fabritius, 1654 |
Obwohl er in der Literatur der Antike bereits Erwähnung findet, ist er im Vergleich zu andere Vogelarten wie dem Schwan oder der Taube in der Bildenden Kunst dieser Zeit nicht zu finden und erlangt als Symbol erst in späterer Zeit besondere Bedeutung. Da die Symbolik des Distelfinken in der Bildenden Kunst der Antike und in der der Moderne keine nennenswerte Bedeutung einnimmt, wird hier von einer Betrachtung dieser abgesehen.
Die Symbolik des Distelfinken, der auch Stieglitz genannt wird, entsteht im frühen Mittelalter und wird in der Plastik und Malerei des Mittelalters so häufig dargestellt wie kaum ein anderer Vogel und ist vor allem im Themenbereich, um Maria und den Jesusknaben zu finden.25 Hierzu zählen vor allem Darstellungen zu Paradiesgärten, Heiligenbildern und Kinderporträts, aber auch die Buchmalerei und Wirkteppiche.26 Vor allem im Zusammenhang mit der christlichen Ikonographie ist die Häufigkeit seines Erscheinens auffällig, da er in der Bibel nicht erwähnt wird.
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Psalter of Bonne de Luxembourg |
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Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch |
Der Distelfink in Verbindung mit Christus und Maria ist im Mittelalter wie bereits erwähnt ein weit verbreitetes und häufig eingesetztes Motiv. Die böhmische Tafelmalerei „Madonna von Zbraslav“ um 1360, ist eines der frühesten Beispiele für das Vorkommen des Distelfinken in der Malerei.34 Vor allem die Darstellung des Distelfinken haltenden Christus, ist ein stilistisches Merkmal, dass über Jahrhunderte hinweg beliebt war und somit in der symbolischen Aussagekraft sicherlich von großer Bedeutung war.
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Madonna im Rosenhag von Martin Schongauer |
Wie eingangs bereits erwähnt, war auch die Darstellung der Maria im Rosenhag und im Paradiesgarten ein oft genutztes Motiv wie Martin Schongauers „Madonna im Rosenhag“ (1473), Hans Burkmairs „Muttergottes in der Landschaft“ (1509), und „Maria im Paradiesgarten“ (um 1425) das Werk eines unbekannten Malers zeigen. Auch andere Bildthemen, die das Spektrum der Heiligen erweitert finden sich. Beispiele sind hier Darstellungen der Anna Selbdritt wie ein Gemälde eines Meisters der Habsburger Ahnentafeln „Anna Selbdritt mit Stifter“ (1504), als auch Michael Wolgemuts „Heilige Anna Selbdritt“ (1510) zeigt. Auf letzterem ist neben dem Distelfinken, der Schwan in die Bildsprache integriert worden, der ebenfalls über eine christliche Symbolik verfügt.
Neben der direkten Anlehnung zu Heiligen, kommt er auch auf Werken mit christologischem Bezug vor. Auf einem Wirkteppich, dem sogenannten Einhornteppich aus dem späten 15. Jahrhundert, ist eine Jagdszenerie dargestellt in dessen Mitte sich ein wasserspeiender Brunnen befindet und an dessen Rand ein Fasanen- sowie Distelfinkpärchen sitzen.35 Der christliche Bezug wird hier durch die an der Säule des Brunnens angebrachten Buchstaben Alpha und Omega hergestellt, die so unmittelbar auf Jesus Christus hinweisen sollen. Im Neuen Testament heißt es in der Offenbarung des Johannes (Offb 21,6) hierzu: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ Somit ist auch hier die göttliche Anwesenheit gegeben und hebt den Distelfinken in die Rolle eines Heiligenattributes.
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Madonna mit dem Stieglitz von Giovanni Battista Tiepolo |
Dieser Blogeintrag wurde verfasst von Philippe H.
Literaturverzeichnis
Barney - Barney, Stephen: The Etymologies of Isidor of Seville. New York 2006.
Belting - Belting, Hans: Hieronymus Bosch. Garten der Lüste. München 2002.
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Gattiker - Gattiker, Ernst/Gattiker, Luise: Die Vögel im Volksglauben. Eine volkskundliche Sammlung aus verschiedenen europäischen Länder von der Antike bis in die Gegenwart. Wiesbaden 1989.
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Luther - Luther, Martin: Die Bibel. übers. v. M. Luther. Deutsche Bibelgesellschaft. Stuttgart 1999.
Olbrich - Olbrich, Erhard: Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. In: Lenz, Karl/Nestmann, Frank (Hgg,): Handbuch Persönliche Beziehungen. Weinheim 2009.
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Roth-Bojadzhiey - Roth-Bojadzhiey, Gertud: Studien zur Bedeutung der Vögel in der mittelalterlichen Tafelmalerei. Köln 1985.
Scherbaum - Scherbaum, Anna: Albrecht Dürers Marienleben. 2004.
Schmidtke - Schmidtke, Dietrich: Geistliche Tierinterpretationen in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters (1100–1500). Berlin 1968.
Simon - Simon, Erika: Die Geburt der Aphrodite. Berlin 1959.
Trenner - Trenner, Florian/Hagendorn, Susanne: Christliche Tiersymbolik. München 2010.
Treu - Treu, Ursula: Physiologus. Naturkunde in frühchristlicher Deutung. Berlin 1981.
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