Dienstag, 29. September 2015

漫画 (Manga): Bestiarium - 3. Geister

漫画 (Manga):
Die Funktionen unheimlicher und übernatürlicher Wesen mit japanischem und nicht japanischem Hintergrund
am Beispiel des Geistes (Gespenstes)
Am ersten Eintrag über Vampire und am zweiten Eintrag über japanische Dämonen dieser Reihe wurde erschichtlich, dass mögliche Funktionen unnatürlicher Geschöpfe in Mangas verschiedene Aspekte umfassen können, wie
- die Konfrontation  mit einem Gegenüber (Kampf)
- die jeweiligen Fähigkeiten (Kräfte) 
- das Dasein als Schmuckelement (Staffage)
- das verführerische Gegenüber (Romantik/Erotik)
- das furchterregende Unbekannte (Horror)
- das Dasein als skurrile Besonderheit (Humor) 

Die Vielschichtigkeit dieser gänzlich verschiedenen Konnotationen und deren Einsatz in den jeweiligen Werken offenbarte, dass die einst überwiegend bizarren und hierbei Angst, aber auch Humor verbreitenden Monster (Vgl. SZ: Nr.163, S.34-35) zunehmend vermenschlicht wurden, was vor allem am Beispiel von Geistern noch offenkundiger ist (vgl. u.a. Preußlers "Das kleine Gespenst" etc. pp.). Dieser Beitrag soll daher weniger auf die Funktionen als vielmehr auf die divergenten Erscheinungsformen von Geisterwesen in Mangas eingehen.
Die Erscheinungsformen von Geistern und deren Fähigkeiten in Mangas sind mannigfaltig und unter anderem von unterschiedlichen Glaubensvorstellungen beeinflusst. Als die momentan wohl prägensten müssen Shintoismus, Buddhimus, Christentum und antike Mythologien - mit all ihren jeweils divergenten Bewegungen - angesehen werden.
"Shinto bezeichnet Japans einheimische Religion und bedeutet 'Weg der Götter'. Er begann in frühester Vorzeit als Kult der Kami, der zahllosen Gottheiten in Bergen, Bäumen, Felsen, Quellen und anderen Naturerscheinungen. Ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. begann die Verschmelzung des Kami-Kults mit Elementen von Buddismus, Konfuzianismus und Taoismus [...], um eine auf die Verehrung der Kami gestützte Shintoreligion zu schaffen." (Peter B. Clarke: Atlas der Welt Religionen. S.197)
"Der Buddismus erreichte Japan in der Mahajanaform etwa Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von China aus über Korea. Verschiedene Schulen entwickelten sich entsprechend ihren chinesischen Urbildern, wurden Teil des religiösen Gefüges der japanischen Shintoreligion [...] und beeinflußten sie. Unter den Bewegungenm die entstanden, waren Tendai, Shingon, Nichiren und als die wichtigsten Reines Land und Zen." (Peter B. Clarke: Atlas der Welt Religionen. S.162)
"[N]ach 1850, als Japans nationale Isolation durch die USA und die Westmächte durchbrochen" (Peter B. Clarke: Atlas der Welt Religionen. S.199) worden ist, wurde nach und nach mit der zunehmenden Vernetzung einer globalisierten Welt - sowie deren Kunst- und Glaubensprodukte - das Christentum, wie auch die griechische, römische, nordische und keltische Mythologie für viele japanische Künstler ebenfalls zu einer Refelktionsfläche ihres Schaffens, sodass diese Glaubensvorstellungen gleichfalls in mancherlei Manga oder Anime zu finden sind. 
Diese ungleichen Geisterdarstellungen und ihre entsprechenden Verortungen sollen in diesem Beitrag nun schlaglichtartig mit einigen Beispielen beleuchtet werden. 

Bei der Hitodama (人魂) handelt es sich um die Seele eines Verstorbenen, die noch im Diesseits verhaftet und nicht im Jenseits angekommen ist. Diese Erscheinung, die irgendwo zwischen physischem und mentalem Geist einzuordnen ist, kann in Mangas gänzlich unterschiedliche Funktionen besetzen. In "Dragon Ball" (z.B. B.18,S.13) dienen sie als Staffage des Totenreichs, in "Inu Yasha" sind sie eine Form sich Lebensenergie einzuverleiben, in "Shaman King" kann ihr Wissen - das Wissen des jeweils Verstorbenen - auf Personen oder Waffen übertragen werden und in "Kajika" dient die Seele eines gestorbenen Fuchses als Begleiter und Motivator des Protagonisten Kajika. In einer Kurzgeschichte in "Shonen Shojo" verweist eine Hitodama (B.1 S.84) darauf, wie diese Kurzgeschichte enden wird, in diesem Fall hat sie die Funktion eines pars pro toto. Als Schmuckelemente sind auch mehrere menschliche Seelen in Toriyamas "Cowa!" (TSS 6, S.45,193 u.198) zu finden.

© Carlsen
Ikiryō (生霊) sind die Seelen von Lebenden, die ihren Leib verlassen haben, meist kurz vor dem Ableben der entsprechenden Person, und sodann körperlos durch die Welt streifen. Eine solche Seele findet sich in "One Piece". Die Figur Brook berichtet den Strohhutpiraten (B.46 S.50-53) davon, dass sein Geist sich von seinem Körper löste und diesen verlies. Als die herumirrende Seele Brooks es später dann endlich geschafft habe zu ihrem eigentlichen Körper zurückzukehren, hatte von diesem lediglich das Skelett die Abwesenheit des "Geistes" überdauert. Sowohl in "Shonen Shojo" (B.1 S.71-102) als auch in "Kajika" kehrte die jeweils gezeigte umherirrende Seele (Hitodama) schließlich in einen Körper zurück, jedoch handelt es sich in beiden Fällen um künstlerische Umsetzungen, die Elemente von beiden bisher hier behandelten Geistererscheinungen haben. 

Shiryō (死霊) beschreibt die Seele eines Tote, die meist kurz nach dem Ableben einer Person deren Körper verlässt. Sie sind überwiegend negativ konnotiert. Diese Art von Geisterwesen lassen sich als die Akuma-Armee des Millenium-Grafen in "D.Gray-man" verstehen, da es sich bei den Akuma um tote Seelen handelt, die von ihren noch lebenden Angehörigen wieder zurück ins Leben geholt wurden.

Yūrei (幽霊) sind Geister von Verstorbenen, denen es nicht möglich war vom Diesseits ins Jenseits zu wechseln, was unter anderem daran liegen kann, dass der Tod durch einen Selbstmord erfolgt ist oder aber dass die Totenriten und Bestattung nicht korrekt ausgeführt worden sind.  
Ein Beispiel für die Wiederkehr nach einem Selbstmord lässt sich in "Shonen Shojo" (B.4 S.113-144) finden, während  in "Blood Lad" dem Mädchen Fuyumi, da sie eine Fleischfressendepflanze fraß, ein solches ordentliches Begräbnis verwährt wird und sie hierauf als Geist in diesem Manga in Erscheinung tritt (B.1 S.33-35). Auch in "Dr. Slump" versucht die durch einen LKW umgekommene Yamada Hanako diesen Unfall ungeschehen zu machen und bittet den Erfinder Norimaki Senbei darum ebendies mit seiner Zeitmaschine zu tun (B.15 S.120-131). 
© Carlsen

Geister von Verstorbenen nach mehr oder weniger westlicher Vorstellung finden sich in vielen Werken Toriyamas wieder. Die Geister sind ähnlich wie eine Hitodama oder ein Yūrei noch in der Welt der Lebenden verhaftet oder kehren in diese zurück, haben im Unterschied zu der Erscheinung japanischer Geister jedoch einen Heiligenschein über ihrem Haupte, der ihr Ableben verdeutlicht. Bereits in der erste Kurzgeschichte "Wonder Island", die von Toriyama publiziert wurde taucht eine solche Darstellung auf (vgl. TSS 3 S.16), allerdings lediglich in Form einer durch eine Figur gezeichneten Skizze. Über einen Zwischenschritt, der mehr eine Anspielung auf einen Engel als tatsächlich eine Darstellung eines Toten Geistes ist (B.6 S.130), entwickelte sich in "Dr. Slump" (B.16 S.48-59) die für Toriyama später typisch werdende Geisterscheinung seiner Figuren. Die Darstellung mit Heiligenschein wählte Toriyama jedoch nur für die moralisch von ihm als gut gezeichneten Charaktere im Himmel (B.16 S.48-54) und nicht für die als böse gezeichneten (B.16 S.55-59). Auch in "Dragon Ball" (ab B.9 S.100) wird diese Darstellungsweise übernommen und gilt für den gesamten Manga. In der Animeadaption hingegen wird dieses Konzept auch auf böse klassifizierte Charaktere erweitert und somit wird der Heiligenschein im Anime zum generellen Totensymbol. 

傘おばけ (Kasaobake)
"Doch nicht alle Geisterwesen sind furchterregend; so gibt es in Japan eine ganze [...] [Reihe] weniger gruseliger und oft komischer Geister, der Obake [お化け]. Das bedeutet wörtlich übersetzt 'wandelbares Ding' und beschreibt Kreaturen, die in Alltagsgegenständen wie Schirmen oder Lampen wohnen" (Christopher Dell: Monster, S.126). In "Dr. Slump" tauchen, um gewissermaßen dieses Zitat zu verifizieren, in der zwei Kapitel umfassenden Erzählung "Rendezvous in der Geisterbahn" sowohl ein Obake in der Gestalt eines Schirms (B.10, S.169), als auch ein Obake in der Gestalt eines Lampions (B.10, S.166-170) auf.

Gespenster treten unter anderem in Toriyamas "Cowa!" in Form von José und als Bewohner eines Geisterschiffes (TSS 6 S.198-199) oder auch in Toriyamas "Sand Land" im Gefolge von Beelzebub (S.4-11) auf. Zudem tummeln sich verschiedene Geister ebenfalls in den Panels "Dr. Slumps" (B.10, S.166-183) und bedingen durch ihre Erscheinung bei verschiedenen Figuren dieses Mangas völlig gegensätzliche Gefühle, die über furchtbare Angst bis zu ausgelassenem Amü­se­ment reichen. 

"Der Ahnenkult in [...] [Ostasien] hat auch eine ganze Tradition 'hungriger Geister' im Gefolge; in Tibet nennt man sie Preta, in Japan Gaki. Da sie im Jenseits nicht genug Nahrung finden, kehren sie zurück, um die Lebenden zu erschrecken und sich von deren Furcht zu nähren; das gelingt ihnen manchmal, indem sie ihre Gestalt wechseln" (Christopher Dell: Monster, S.126). Als zu bekämpfende Ungeheuer sind diese Wesenheiten am ehesten in den beiden Mangaserien "Bleach" und "March Story" zu finden.


Geisterähnliche Erscheinungsformen kommen sowohl in "One Piece" (ab B.46, S. 59) als auch in "Dragon Ball" (ab B.41, S.73) vor. Zum einen setzt die Figur Perona Hollows (ホロ, Horo) als Attacken ein und zum anderen tut Gotenks selbiges bei seiner Gespensterkamikazeattacke. Beides Mal handelt es sich um Kräfte der jeweiligen Figuren, die ihrer Art nach aber im Grunde die Fähigkeiten von Geister besitzen. Auch im Werk "Astro Boy" von Tezuka Osamu (手塚 治虫, 1928-1989) ist unter anderem ein Wesen enthalten, dass von Astro Boy als Geist und als Gespenst bezeichnet wird, bei dem es sich aber tatsächlich um einen Wissenschaftler namens Hanabusa handelt, der durch die Sabotage an seinem Materieteleporter zu einem solchen nebelartigen Geschöpf geworden ist (B.9, S.114-182).

"Eine weitere Klasse japanische Gespenster, die Yokai, sind auf konventionellere Art monströs; zu ihnen gehören die bekannten Kappa, die eigentümlichen Rokurokubi (die wie Menschen aussehen, aber elastische, ausziehbare Hälse besitzen) [zu finden in 'Dr. Slump' Band 10, S.170] und die Tengu" (Christopher Dell: Monster, S.126), die unter anderem in ersten Band von "Blood Lad" auf den Seiten 160-174 zu finden sind. Mehr über Yokai ist im letzten Blogeintrag nach zu lesen. 
Da es auf dem englischen Markt mehr Mangas als auf dem deutschen gibt, kann man ebendort auch die eine oder andere Geschichte über japanische Dämonen und Geister entdecken, die es hierzulande noch nicht gibt. Zu nennen wäre etwa ein Werk wie "Nonnonba to Ore" (のんのんばあとオレ) aus dem Jahre 1977. Dass in den japanischen Buchregalen jedoch noch weit mehr solcher Werke zu finden sind, versteht sich von selbst.   
_______
Die in diesem Beitrag verwendeten Abbildungen sind entweder gemeinfrei (http://www.zeno.org/, https://www.flickr.com/photos/britishlibrary und https://commons.wikimedia.org/). 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen